Etwas ist schiefgelaufen

Du kan forsøke å laste inn siden på nytt. Om feilen vedvarer kan du ta kontakt med oss på post@boldbooks.no.

Feilkode 418

Mona Mohn

Mona Mohn

Mein Begriff sachlichen [...] Stils und Schreibens ist: hinzuführen auf das dem Wort versagte. Nur wo die Sphäre des Wortlosen in unsagbar reiner Nacht sich erschließt[,] kann der magische Funke zwischen Wort und Tat überspringen, wo die Einheit dieser gleich Wirklichen ist. Nur die intensive Richtung der Worte in den Kern des innersten Verstummens hinein gelangt zur wahren Wirkung. [Walter Benjamin brieflich an Martin Buber; 17. Juli 1916] *** Mich interessiert das Außergewöhnliche, Exorbitante, Anomale und vom notorisch "gesunden Menschenverstand" gern — meist sogar leichtfertig — Exilierte; vulgo vieles, was nicht langweilig und in diversen Spielarten eher deviant ist, sich also vorgestanzten Normen widersetzt, sofern sie Lebendigkeit einschränken oder gar zu strangulieren anheben. Allerdings nicht umwillen einer "bloßen Lust" am (vermeintlich) Abweichen(den) im Sinn dessen, was heutzutage im allfälligen Nachhecheln nur modischer Attitude fast schon besorgniserregend zutage tritt — vielmehr ist ja bspw. *das* in einem sehr strengen Sinn maßlos öde, weil es wieder und wieder nur Uniformierung zeitigt. Mir geht es dabei mehr um *gelebtes* Anderssein, vielleicht nicht zuletzt auf jene Weise, die etwa Ludwig Wittgensteins Wort von der "Arbeit an einem selbst" als philosophische Lebensform anklingen lässt ... sicher mit Rekurs auf Rilkes verwandten Spruch, der ja ebenfalls gegen die Verkrustungen taxonomischen Wahns und Normenfetischismus' anstinkt, ohne dass seine mediokren Nachplapperer von der bildungsbürgerlichen Front und aus anderen Schlammsuhlen des vulgären 'common sense' je begriffen hätten, dass er nicht zuletzt gerade *sie* zur Änderung ihrer Lebensform — auch mit Toleranz gegenüber dem jeweils Anderen legiert — auffordern möchte. Mich fasziniert an derlei Konzepten der reflektierte Verzicht aufs Explizieren von Positionen — "andersherum" gewendet also ihre negativistische Kraft, die eben niemandem VORSCHREIBT, was angeblich zu tun sei (und so wieder nur restriktiven Ordnungswahn im Maß allumfassender Standardisierung herbeischwadroniert), sondern sich vielmehr aufs Kritisieren des Gewohnten im Sinn eines ungenügenden Status quo kapriziert, wenn dabei nicht sogar schlechte Verhältnisse oder Ideologisches, jedenfalls der Lebenslust abträgliches, zur Disposition stehen. Übrigens inhäriert m.E. der Literatur seit eh und je diese eben angerissene 'Negative Dialektik' mitsamt ihrer Präferenz fürs Besondere, Individuelle und auch ... Andere. Sie ist ästhetischer Erfahrung *an sich* zueigen, will mir scheinen. Also den (authentischen) Kunstwerken in Gesamtheit — kaum allerdings jenen zahllosen Kitschprodukten, die am Namen des Künstlerischen infolge ideologischer Prozeduren nur wie Parasiten andocken und ihn dabei letztlich wohl zuschanden machen werden, sofern niemand mehr Obacht darauf gibt. U.a. deswegen ist Schreiben ein ... "intrinsischer Bestandteil" meiner Lebensform: Nichts ergo, was sie nur "irgendwie tangierte" oder gar bloß als "Hobby" darin herumwuselte. Es berührt ihre Substanz. Und "rückt" mir — niemals ausschreibbar freilich, woran Benjamins Wendung vom "innersten Verstummen" gemahnt — vor allem da "auf die Pelle", wo relevant wird, was Michel Foucault 'Ästhetik der Existenz' genannt hat. Ich verstehe das unter anderem auch als Echo auf Wittgensteins 'Tractatus'-Satz 6.421; dort heißt es ja, Ethik und Ästhetik seien eins. Dahingehend, dass es keine "wahren" [sic] ethischen Sätze und somit "rein rationale Grundlegungen" für Lebensformen und -entwürfe gleichfalls nicht geben könne. — Woran sich noch einmal anders formuliert niederschlägt, was weiter oben schon unter den Stichworten 'Verzicht auf Position' und 'Negativität' angesprochen wurde. Will sagen: Sofern die *ästhetische Erfahrung* nicht bloß als etwas ethisch Randständiges aufgefasst wird, wächst der Literatur und den anderen Sparten künstlerischen Ausdrucks eine Dimension lebensweltlicher Relevanz zu, die wohl kaum nur mit allerlei Erbaulichkeits- und Unterhaltungswertkategorien auf den Punkt gebracht werden kann, ganz abgesehen von Akten der Selbstdarstellung und Wertschöpfungsinteressen, wie sie seit Aufkommen der Moderne virulent sind. — Vielmehr wäre dann zu fragen, will mir scheinen, ob es überhaupt anginge, dieses Auf-den-Punkt-Bringen als Ziel anzustreben. Weil, wie vorhin schon angesprochen, dann wieder nur das "Normale" und sein dahinterstehender Kategorisierungswahn Oberwasser kriegte ... Wäre’s stattdessen nicht sinnvoll, Schreibe- und Leseakte selbst als weltkonstitutive Handlungsformen und mithin auch interpersonale Kommunikationsweisen aufzufassen, ohne dabei quasi automatisch die ... Einbildung mitzuetablieren, sie spiegelten lediglich etwas ab, das unabhängig von ihnen für eigenes Dasein bürgen könne: gefällig-unterhaltend, erhaben, nutzbringend oder sogar vorzüglich *lügend*, wie einst schon Platon ... raunte. Mit Wittgenstein gesprochen figuriert jedenfalls auch das Ästhetische unter *Sprachspielen*. Und diese befestigen nach seiner façon schlicht die (Menschen-)Welt, ohne dass irgendeinem bestimmten von ihnen der Primat gebührte. Was diverse Philosophen, Politiker und (v.a. Natur-)Wissenschaftler freilich anders sehen. — Haben sie recht? Ich fürchte: Nein! Schon allein deswegen nicht (von anderem abgesehen), weil darin auch Unsagbares zum Tragen komme ... bzw., wie es Wittgensteins Spätwerk in diversen Varianten darlegt, ihnen ... "etwas" zugrundeliege, das niemand *wissen* und mithin auch nicht beweisen könne. Wer’s trotzdem tut, rede Unsinn, wie seine 'Philosophischen Untersuchungen' vermerken. Die ganz grundsätzlichen Überlegungen dazu finden sich in 'Über Gewißheit' ... An dieser Stelle ein erstes Fazit: Literatur ist — jedenfalls bei denen, die sie im Entstehenlassen wie beim Rezipieren *ernstnehmen* (wobei nach meinem Dafürhalten beide Prozesse nicht streng voneinander unterscheidbar sind, weil eine jegliche rezeptive ästhetische Erfahrung immer auch eine produktive ist, denn es kann per se keine *allein* Sinn verbürgende "Autorintention" geben, die sich einem ästhetischen Gebilde, gleich welcher Couleur, abdestillieren und dann womöglich noch "als wahr" ... ähm ... verkaufen ließe) — ... kurz: literarisch aktiv zu sein zeigt sich also in diesem Licht durchaus als Lebensformen *konstituierender* Akt. Freilich nie allein! Sondern eingebunden in die Textur aller Sprachspiele, durch deren Fadenstruktur das So-und-so-Sein der Dinge bestenfalls aufschimmert, jedoch niemals vollständig luzide würde, weil uns Menschen dafür der point of view fehlt, von dem aus das Ganze [sic] je in den Blick genommen werden können. Mit Rückgriff auf Spinozas Prägung vom Ergreifen der Welt 'sub specie aeternitatis' hatte das Wittgenstein schon im 'Tractatus' klargestellt. Und Adornos Wendung gegen Hegel, der Ausgriff aufs Ganze zeitige stets nur das Unwahre, besagt im Grunde nichts anderes. Aber gerade die ästhetische Erfahrung mit ihren ganz eigenen, sehr besonderen Sprachspielen hält uns — wie ich glaube: seit eh und je — dazu an, dieses (Erkenntnis-)Mankos wegen nicht zu verzweifeln. Nämlich über ihr reiches Maß an Imaginationsmöglichkeiten in den Sphären des Fiktiven, gleichwohl nicht Irrationalen: Wir können eben auch 'Mögliche Welten' denken ... statt nur an dem zu kleben, "was der Fall ist". Mit anderen Worten (und dabei Ingeborg Bachmanns wunderschöne Fügung gegen ein bloßes 'Bimbam der Wörter' in Gebrauch nehmend): Literatur muss sich als ein eminenter Ausdruck ästhetischer Erfahrung weder gegen philosophische noch wissenschaftliche oder auch politische Diskurse abschotten und vulgo "Parallelwelten" aufspannen, um ... "ernstgenommen" zu werden (was selbstredend auch für alle anderen Arten sog. "künstlerischen Ausdrucks" gilt!). Sie ist *in der Welt* ... und die Welt des Menschen besteht nicht nur aus dem, *was ist*, sondern auch aus all jenem, *was sein kann*! Mit seiner Rede zum 'Ende der Fiktionen' hatte schon in den Siebzigern Wolfgang Hildesheimer nachdrücklich darauf hingewiesen, indem er messerscharfe Kritik am seinerzeit aufkommenden "Realitäts"-Fetischismus in literarischen Belangen übte. Die Scheidelinie zwischen Sinn und Unsinn verläuft aus diesem Grund also nicht zwischen einem irgendwie (oft auch bloß behaupteten) Der-Fall-Sein von etwas hier und allem anderen dort, sondern sie liegt erst jenseits dessen: da, wo die 'Bedingungen der Möglichkeit von etwas' in einem strengen Sinn nicht (mehr) erfüllt sind. — Und wenn das nun noch mit dem Unsagbaren zusammengedacht wird, (ergo all jenem, was nach Wittgenstein oder auch Benjamin bestenfalls *sich zeigen* [sic] würde in entsprechenden Sprachspielen und damit Handlungszusammenhängen), so wird vielleicht klar, warum das, gerade auch heutzutage, mitnichten lapidar ist (jedenfalls für Menschen, die so oder so ähnlich wie meine Wenigkeit denken). Kant hat in seiner 'Kritik der Urteilskraft' von einem *Lust*gefühl im Scheitern [sic] der Identifikation anbei kunstrezeptiver Prozesse geredet — das Wort vom "Rätselcharakter der Kunst" Adornos respondiert das noch —; und vielleicht wird an dieser Eigenart der ästhetischen Erfahrung deutlich, warum eine weniger Positionen befestigende ethische Haltung unter den Vorzeichen auch negativer Dialektik und Mimesis nicht unbedingt "schlechter sein" muss als das bis dato Gewohnte in diesem Feld.. Wobei Adorno m.E. noch einen "draufsetzt", wenn es in den 'Minima Moralia' heißt: "Kunst ist Magie, befreit von der Lüge, Wahrheit zu sein". Denn dabei wird das Entlastungsmoment im ästhetischen Prozess, wie Kant es ausfaltet, eigentlich erst gänzlich durchsichtig, weil sich das Subjekt anbei dessen eben von jenem *Identifikations*-Druck befreit sieht, der einem jeglichen Bestehen auf Wahrheit nun mal *notwendig* anhaftet. Nochmal anders formuliert: Dann kann es einmal ohne Not — neben anderem — auch dem frönen, was wiederum bei Adorno "Eingedenken der Natur im Subjekt" heißt. Genau so geht’s aber *nur* zu, wenn im Verhalten und Handeln nicht blanke Mimikry die Oberhand gewinnt (vom geflissentlichen Kriechen entlang vorgestanzter, vermeintlich erfolgverheißender Bahnen in allerlei "Markt-" und "Bestseller"-Suhlen bis hin zum dumpfen Nachäffen oder mindestens Nachhecheln vermeintlicher "Führer"- oder "Durchblicker"-Figuren auf dem politischen Parkett), sondern sich stattdessen sublime Mimesis zu entfalten vermag — also gerade das, was die ästhetische Erfahrung maßgebend mitstrukturiert. Mal etwas platt, sicher zu simplifizierend formuliert: An diesem Punkt verschwistern sich sympatheia und anschmiegender Nachvollzug, ohne dass ihnen die jedem Identifikationsakt notwendig inhärierende *Gewalt* "dazwischenfunkt". Ansonsten ist sie irreduzibel, weil in der Konfrontation von Verschiedenem — schon mal logischerweise, von anderem ganz abgesehen — keine Identität herstellbar ist, ohne auf jeder Seite etwas abzuschneiden oder hinzuzudichten. Deshalb preist Adornos oben zitiertes Wort die "Befreiung von der Lüge" ... und deshalb verbindet Kant die ästhetische Erfahrung mit *Lust*. Beides läuft auf die zumindest partielle Absenz von Gewaltverhältnissen hinaus ... eben unterm Verzicht, um jeden Preis den Geltungsanspruch auf Wahrheit erfüllen zu müssen, selbst dann, wenn er offenbar sowieso niemals einlösbar wäre ... Oben war von Exorbitantem, sogar Devianz die Rede; und davon, dass Abweichung wie auch (Selbst-)Exilierung Konzepte seien, die quer zum "Gewohnten" stehen und eher negativierende Kräfte freisetzen denn Positionen festzunageln versuchen. Ich verstehe literarisches Schreiben zuvörderst als Beackern *dieser* Felder. Und mir scheint, unsere Lebenswelt hat das nötig — jedenfalls kann ich mir die eigene Lebensform ohne solche Ingredienzien nicht vorstellen: Sie wäre nichts anderes als die Inkarnation eines Albtraums! Zudem vermag ich auch nicht zu erkennen, dass etwa Ingeborg Bachmanns 'Todesarten-Projekte', viele ihrer Gedichte oder Erzählungen ohne sie auskämen: Wo wären da Positionen zu identifizieren? Verfügungen darüber, wie zu leben sei? Und wie bei ihr geht es diesbezüglich auch in den Arbeiten Virginia Woolfs zu, oder James Joyces, Wolfgang Hildesheimers, Paul Celans, Else Lasker Schülers und so weiter und so weiter ... — Es ist die Kraft der (ästhetischen) Negation, aus welcher sie atmen! Weder dumpfe Affirmation also noch Verfügungszwang sind ihnen eigen. Und doch, so scheint mir, haben sie uns viel zu sagen. Wobei für mich ein besonderes Kennzeichen ihrer Relevanz ist, dass dabei Inhalt und Form gleichermaßen vom Mediokren, Gewöhnlichen *abweichen*, in ihrer jeweiligen Dignität aber geradezu "zauberisch" zueinanderfinden. Nun ja: Das macht natürlich ein authentisches Kunstwerk gerade aus; und nicht minder den darauf hinführenden Schreibakt! Womit sich der Kreis schließt: Wenn, wie es oben hieß, Schreiben ein intrinsisches Moment diverser Lebensformen ist, kann es schwerlich sein, dass dabei Inhalt und Form völlig auseinanderklaffen. Das eine ist jeweils ein Echo des anderen ... in mimetischer Verschränkung. Damit ist aber wohl auch ein *Bild* gegeben, was es heißen könnte, ein 'Gutes Leben' anzustreben. — Und nein! Dem widerspricht nach meinem Dafürhalten nicht, dass etliche Autoren "großer Bücher" auch daran scheiterten. Aber dies ist eine andere Geschichte ... *** Möglicherweise mutet solch eine Explikation unter dem obligaten Label (gewissermaßen 'Klischee') namens 'Über mich' einigermaßen ... merkwürdig an. Ich lege mir für diesen Fall den Spruch zurecht: Dann sei’s halt so. Das Merk-Würdige hat ja, mal genauer hingesehen, eine semantisch durchaus ambige Note. Womit es präformierenden Wahrheitsansprüchen und damit verbundenen Zuschreibungen oder Reduktionen vielleicht schon ein wenig zu widerstreiten vermag, bevor sich Heraklits pólemos überhaupt daran machen könnte, sie zu etablieren. Jedenfalls erhebe ich keinerlei Geltungsanspruch auf Wahrheit fürs Vorstehende. Allenfalls wurde mein Schreiben dieser Zeilen vom Versuch geleitet, der Aufrichtigkeit die Ehre zu erweisen und nicht nur dem 'Bimbam der Wörter' zu frönen.

BoldBooks Logo
ALLi Partner Member
© BoldBooks 2022