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Liebe rein, Scheiße raus

Liebe rein, Scheiße raus · Romane

Innere Einkehr und Selbstreflexion tragen zur Heilung bei, sobald Isabella erkennt, dass sie weder gesund noch glücklich ist.

Die Abstimmung ist abgeschlossen

Was möchtest du mit dem Buch bewirken?

Ich musste vor zwei Jahren erkennen, dass mein Körper nur deshalb erkrankt ist, weil die Seele nach Veränderung schrie. Auf Grund meiner Diagnose habe ich in einer intensiven Auseinandersetzung mit mir selbst erfahren, dass es zum einen meine Einstellungen und Erfahrungen sind, die mich erkranken ließen. Zum anderen waren es äußere Einflüsse, aus denen es scheinbar keinen Ausweg gab. Ich entdeckte meine kreative Ader neu, zeichnete, gestaltete und schrieb. Ein Fernlehrgang zur Kinder- und Jugendbuchautorin entfachte meine Leidenschaft für Literatur. Recht schnell bemerkte ich, dass ich in der Lage bin, mit Worten Bilder zu erschaffen. Mein Debütroman erlaubt einen schonungslosen Blick hinter eine scheinbar makellose Fassade. Die Geschichte hat autobiographische Züge und richtet sich an Menschen, die das Gefühl haben in einer Sackgasse zu stecken. Er ist für all diejenigen geschrieben, die glauben: "Was, diese Familie hat Probleme? Glaube ich nicht. Ist doch wie im Bilderbuch!" Sieht von außen oft so aus, ist es nur leider selten im Inneren. Mein Buch macht Hoffnung auf Heilung, sofern Probleme angesprochen werden und ein offener Umgang damit gefunden wird. Es hilft Träume zu finden und zu realisieren. Das Engagement meiner Protagonistin macht vor allem Mut, Hilfe in Notlagen zu suchen und anzunehmen. Es zeigt, wie wertvoll Impulse von außen sein können und das jeder zur richtigen Zeit, die richtigen Personen kennenlernt. Wenn man bereit ist, die Augen und das Herz zu öffnen.

Über den/die Autor:in

Anja Jahnke

Anja Jahnke

Ich bin Anja und komme gebürtig aus Dresden. Zum Studium hat es mich ins schöne Mecklenburg-Vorpommern verschlagen. Inzwischen wohne ich mit meinen Kindern und meinem Mann an der Müritz. Mit 38 Jahren...

Kapitel 1

Ich sitze in der Küche auf dem Boden, meinen Sohn fest in den Armen. Sein Blick ist von mir abgewandt. Oskars Körper ist so angespannt. Er weint und schreit und hätte mich noch kurz zuvor in seinem Trotzanfall beinahe getreten. Mein fester Griff allerdings, macht ihn noch wütender, aber die Angst, dass er mir weh tut, ist zu groß, als dass ich ihn loslassen kann. Ich rede sanft auf ihn ein und bitte ihn, sich zu beruhigen. Meine Erklärungen, dass ich ihn loslassen werde, sobald er sich beruhigt hat, verhallen in seinem lauten Geschrei. Immer wieder wirft er seinen Kopf zurück. Ich weiche ihm stetig aus. Ein Moment der Unachtsamkeit und der kleine Kerl schafft es, mit seinem Kopf einen Treffer zu erzielen. Der Hinterkopf rastet mit Schwung in meinem Nasenbein ein. Mir wird schwindelig und gleichzeitig spüre ich, diese unbändige Wut in meinem Körper aufsteigen. Mein Magen brennt. Der Hass ist in diesem Moment so groß, dass ich den Impuls, dieses kleine Kind mit Schwung aus der Küche zu werfen, nur dadurch abwenden kann, ihn loszulassen. Er rappelt sich auf, dreht sich um. Das wutentbrannte Gesicht schreit mich an: «Du bist so eine scheiß Mutter!» Die Augen voller Tränen sucht Oskar schnell das Weite. Ich bleibe zurück. Die Arme fest um die Knie geschlungen. Mit sanften Bewegungen wiegt sich mein zusammengerollter Körper nach vorn und zurück. Blut tropft aus der Nase auf den Boden. Mir wird heiß und kalt.

Ich höre, wie die Tür ins Schloss fällt. Mein Mann bringt unseren Zweitgeborenen am Donnerstag immer nach der Arbeit mit. Als er mich in der Küche auf dem Boden sitzen sieht, schickt er Benno direkt in sein Zimmer. «Was ist denn nun schon wieder passiert?»

«Oskar wollte noch ein zweites Eis und als er es nicht bekommen hat, fing er an, nach mir zu treten», fasse ich die Situation in Kürze zusammen.

«Und was hast du dann mit ihm gemacht?» Das ist mal wieder typisch. Das Kind, dass der Herr des Hauses unbedingt noch wollte, weil unsere Familie ja mit zwei Kindern unvollständig war, trampelt auf meinen Nerven herum und ich bin schuld. Vielen Dank auch für das Verständnis! «Ich habe mir das eben nicht gefallen lassen und ihn aus der Küche geschickt. Daraufhin kam die kleine Furie richtig in Fahrt und wollte die Stühle umschmeißen. Das ließ ich mir nicht gefallen lassen. Ich habe ihn daran gehindert. Dann fing er an nach mir zu treten.» Ich war schon wieder den Tränen nahe.

«Fällt dir eigentlich auf,» fragt Paul, «dass es hier inzwischen mehr Tage gibt, an denen Unfrieden herrscht, als solche, an denen einfach alles mal glatt läuft. Ich habe dich schon so lange nicht mehr entspannt zu Hause angetroffen. Wann siehst du endlich ein, dass du Hilfe brauchst? Ich mache dieses Theater jedenfalls nicht mehr lange mit. Für uns bleibt weder Energie noch Lust. Das kann so nicht weitergehen.» Diese Ansage ist für mich ein Schlag in die Magengrube und ich kann nicht fühlen, was in diesem Moment mehr schmerzt, die Nase oder der Magen. So ein Nonsens. Hilfe? Wer soll mir schon helfen? Etwa einer dieser Seelenklempner? Ich weiß gar nicht, wann ich mich noch um so etwas kümmern soll. Immerhin halte ich dir ganz nebenbei den Rücken frei und übernehme alle Aufgaben, die wir sonst gemeinsam gestemmt haben. ALLEIN! Damit du jeden Tag zehn Stunden deiner Selbstständigkeit nachgehen kannst. Ich kümmere mich um alles, obwohl ich morgens oft nicht einmal das Bedürfnis habe, aufzustehen. Und wofür das alles? Um am Ende doch allein dazustehen? Diese Erkenntnis durchströmt meinen Körper vom Kopf bis in die Zehen wie heiße Lava. Mir wird schwindelig und ich fange bitterlich an zu weinen.

Paul nimmt mich in den Arm und ich spüre an seinem schnellen Herzschlag, dass er sehr aufgeregt ist. Ich schaue auf und sehe seine feuchten blauen Augen: «Ich wünsche mir nur, dass wir einen gemeinsamen Weg und du wieder zu dir selbst findest. Du bist mit deinen Nerven am Ende. Jeder sieht es, nur du nicht. Hol dir bitte Hilfe!» Ich wische mir die Tränen mit dem Handrücken aus dem Gesicht und verschwinde im Bad, um mich etwas frisch zu machen. Beim Blick in den Spiegel sehe ich eine Frau mit tiefen Augenringen und herabhängenden Mundwinkeln. Ich muss den Blick abwenden, weil ich ihn einfach nicht ertrage. Wann habe ich mich eigentlich selbst so verloren?

Kurze Zeit später kommt auch Jette vom Training nach Hause. Ich bin froh, dass heute ihr langer Tag ist und sie von dem Ärger am Nachmittag nichts mitbekommen hat. Schon des Öfteren hat sie ihre Sorge mir gegenüber zum Ausdruck gebracht. Obwohl wir ein sehr offenes Verhältnis haben und ich weit davon entfernt bin, ihr eine heile Welt vorzuspielen, in der immer alle glücklich sind, versuche ich, Stärke zu beweisen und ihre Sorgen nicht zu befeuern.

Am Abendbrottisch herrscht ausgelassene Stimmung. Die beiden Großen erzählen von ihrem Schultag. Auch Oskar ist wieder bester Laune und plappert fleißig dazwischen. Kurz zuvor kam er noch zu mir und flüsterte mir ein leises: «Entschuldigung» ins Ohr. Als Benno seinen neuesten Witz erzählt, fangen alle an zu lachen. Ich beobachte die Szene regungslos. Plötzlich stehe ich neben mir. Es ist, als ob mein Körper am Tisch sitzt und mein Geist die Situation vom Kopfende aus beobachtet. Eben dieses Ich schüttelt mit dem Kopf, denn die leere Hülle meiner selbst ist nicht in der Lage Glück zu empfinden. Das Lachen und Gequatsche der anderen ist mir viel zu viel, zu laut, zu schrill. Ich bemerke den kritischen Blick meines Mannes. Als mir die Ausweglosigkeit der Situation bewusst wird, halte ich mir die Ohren zu und verlasse den Tisch wie in Trance. Zurück bleiben fragende Gesichter, die ich auf dem Weg ins Schlafzimmer aber nur noch am Rande wahrnehmen kann.

In den nächsten zwei Stunden liege ich zusammengerollt auf dem Bett und starre die Fotografie von den Kranichen an. Wir haben uns diese große Leinwand gegönnt, als das Schlafzimmer renoviert wurde. Auf dem Schwarz-weiß-Druck sind leicht verschwommen etliche Kraniche zu sehen. Die meisten stehen mit ihren staksigen Beinen im Wasser. Einige scheinen nach Fischen zu piksen. Andere sind im Landeanflug und wollen sich der Gruppe offensichtlich anschließen. Ein Kranich am oberen rechten Bildrand fliegt von der Gruppe weg. Er ist recht unscheinbar und mir bislang noch nie aufgefallen. Doch jetzt, wo ich hier liege, sehe ich ihn sehr deutlich. Er fliegt mit ausgebreiteten Flügeln einfach davon. Gedankenlos, was die Gruppe wohl von ihm denkt. Ich beneide ihn. Mir wird klar, ich will in diesem Moment nichts mehr als dieser Kranich sein! Mich neu sortieren und wieder ins Lot bringen. Es ist die einzige Möglichkeit, die Gruppe zusammen zu halten. Und dazu werde ich mich bewegen, denn Stillstand hat bis jetzt nichts bewirkt.

Kapitel 2

Ich habe mich nach dem Vorfall gestern krankgemeldet. Die letzte Nacht bestand nur aus unruhigem Hin und Her wälzen. Selbst Paul hat irgendwann aufgegeben und ist auf das Sofa gezogen. In meinem Traum war ich gefangen in einem Kubus aus Glas. Paul und die Kinder standen davor und spielten mit einem Ball. Die Situation war befremdlich. Hatte ich doch meinen Mann schon so lange nicht mehr ausgelassen mit den Kindern gesehen. Seitdem er sich als Versicherungsmakler selbständig gemacht hat, arbeitete er noch mehr als in den Jahren in der Agentur zuvor.

Ich wollte auf mich aufmerksam machen, aber sie nahmen mich nicht wahr. Erst als ich mit all meiner Kraft gegen die Scheibe schlug, schaute Jette in meine Richtung und machte die anderen auf mich aufmerksam. Die vier bewegten aufgeregt ihre Münder und gingen um den Kubus. Das Erstaunen war ihnen ins Gesicht geschrieben. Plötzlich öffnete sich unter mir der Boden. Zunächst war da nur ein kleines schwarzes Loch, gerade einmal von der Größe eines Gullydeckels. Allmählich wurde es jedoch breiter und in mir stieg Panik auf. Oskar weinte und schlug mit den Fäusten gegen die Scheibe. Bennos flehende Augen starrten mich panisch an. Ich konnte nicht hören, was sie riefen. So sehr ich mich auch bemühte, eine Möglichkeit zu finden, um auszubrechen. Es funktionierte nicht. Das Loch hatte inzwischen den halben Boden eingenommen. Nach und nach breitete sich diese Finsternis aus und ich drückte meinen Körper mit dem Rücken an die Glaswand. Auf einmal spürte ich eine wohltuende Wärme am Rücken. Ich drehte mich vorsichtig um und sah meine Kinder und Paul am Kubus stehen. Jeder hatte eine Hand an der Scheibe und sie glühten. Konnten sie mich auf diese Weise befreien. Glück und Hoffnung durchströmten meinen Körper in Form von Wärme. Ich lächelte sie an. Der Boden unter mir öffnete sich und ich stürzte in die Tiefe. Mit dem Gefühl des Fallens wachte ich schreiend auf.

Nachdem die Kinder gemeinsam mit Paul das Haus verlassen haben, überkommt mich eine tiefe Traurigkeit. Ich versuche sie zu ignorieren, indem ich mich der Hausarbeit widme. Es ist wieder einiges liegen geblieben. Das Haus ist still. Als mir Oskars Lieblingstasse aus der Hand fällt, brechen alle Dämme. Hysterisch weinend sitze ich am Küchenboden und der Schmerz zerreißt mich. Wie konnte es nur so weit kommen? Warum habe ich mich nicht mehr im Griff? Ich sehe die Scherben der Tasse vor mir liegen. Was wenn ich dem Ganzen ein Ende setzen würde? Ich hätte endlich Ruhe und würde hier niemandem mehr mit meiner Traurigkeit zur Last fallen. Mit den Scherben schiebe ich diesen abstrusen Gedanken schnell bei Seite und überlege, womit ich mich besser ablenken könnte. Die Küche müsste mal wieder sauber gemacht werden. Oder kann das vielleicht einfach auch noch ein paar Tage warten? Ich denke schon. Auf dem Weg ins Badezimmer fällt mir ein, dass ich das Ankleidezimmer schon lange aufräumen wollte. Hier liegen so viele Sachen, die ich nach unserem Einzug damals erst einmal nur in Regalen verstaut habe. Und so finde ich mich wenig später mit einer Tasse Tee auf dem Boden des Ankleidezimmers zwischen alten Unterlagen, Bastelsachen und Fotoalben sitzend. Im Hintergrund läuft ruhige Musik und meine Stimmung hat sich auch leicht gebessert. Ich habe das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun, und meine gewonnene Zeit nicht sinnlos zu verplempern. Ich sortiere viele der Bastelmaterialien aus. In der Schule besteht immer Bedarf an derartigen Zuwendungen und ich komme doch bei realistischer Betrachtung eh kaum zum Basteln mit den Kindern. In letzter Zeit habe ich immer wieder das Gefühl, dass sie einfach zu kurz kommen. Gerade Jette und Benno müssen ständig zurückstecken, weil der Kleine meine ganze Aufmerksamkeit auf sich zieht. Mich beschleicht das Gefühl, keine gute Mutter für drei Kinder sein zu können und schon steigen mir wieder die Tränen in die Augen. Ich wische sie mit einer schnellen Handbewegung ab und widme mich den Fotoalben. Meine Mutter hat sie in größter Sorgfalt liebevoll gestaltet. Gerade das mit den Bildern der ersten Lebensjahre schaue ich mir besonders gern an. «An mir war was dran,» sagten die Großeltern bei Familienfesten immer und die Fotos bestätigen es. Als ich über mein Lieblingsfoto streiche, auf dem mich meine geliebte Omi im Arm hält, löst sich der Kleber und es verrutscht. Ich hatte leider zu wenig Zeit mit ihr. Mit viel Liebe im Herzen spüre ich wieder, wie viel Zuwendung ich von ihr bekam. Meine kleine Omi, die mit ihrer zehnjährigen Enkelin im wahrsten Sinne des Wortes auf Augenhöhe war. Ich erinnere mich an Fotos, auf denen sie eine stämmige Frau war. Allerdings habe ich real nur ein zartes und zerbrechliches Wesen in Erinnerung. Die Haut an ihren dünnen Oberärmchen hing immer nach unten, wenn sie die Arme hob, um etwas aus dem Schrank zu holen. Als Kind war es ein Spaß, die Haut hin und her wackeln zu lassen, heute frage ich mich, ob meine Enkel das auch irgendwann bei mir machen werden? Vom Krebs stark gezeichnet, wurde meine geliebte Omi dünner und dünner, bis sie ihm erlag. Mein Herz ist erfüllt mit Glück, prägende Kindheitstage mit ihr verbracht zu haben und gleichzeitig mit Schmerz, wenn die Erinnerungen an sie hochkommen. Ich halte das Foto von Omi und mir in der Hand und durchwühle gleichzeitig das Bastelzeug nach Kleber. Als ich es wieder einkleben möchte, bemerke ich auf der Rückseite einen handschriftlichen Text:

«An meine kleine Bella,» der Text verschwimmt in dem Tränenmeer, das sich allein beim Anblick dieser vier Worte in meinen Augen bildet. Meine Omi nannte mich nie Isabella. Ich war immer ihre Schöne, ihre Bella. «Diese Nachricht erreicht dich, wenn du sie am dringendsten benötigst. Das Leben hält Höhen und Tiefen für dich bereit. Empfinde die Tiefen immer als Herausforderung auf dem Weg zu dem, was du wirklich willst. Finde heraus, was es ist, und erfülle dir deine Träume. Nur so wirst du am Ende deines Lebens zurückblicken und tiefe Zufriedenheit spüren. Ich umarme dich, deine Omi.» Für einen Moment kann ich ihre Umarmung spüren. Die Tränen laufen nun ungehemmt, wie ein Rinnsal den Berg hinab. Was wenn sie recht hat? Weiß ich denn überhaupt was meine Träume sind? Wie kann ich glücklich sein, wenn ich im Moment doch nur für andere funktioniere und mich völlig in den Schatten stelle? Andererseits sind meine Aufgaben klar! Mein Job hat mich fest im Griff. Als stellvertretende Schulleiterin bin ich für alle da. Wenn die Kinder Probleme im Unterricht haben, bin ich Vertrauensperson und etliche Kinder machen regelmäßig Gebrauch davon. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die wenigsten Kinder tatsächlich ein vertrauensvolles Verhältnis zu ihren Eltern haben. Dabei ist Vertrauen in das Elternhaus gerade für das Sicherheitsgefühl der Kinder enorm wichtig. Ich versuche, meinen Kindern täglich mit auf den Weg zu geben, dass egal ist was sie tun, ich sie immer liebe und wir für alle Probleme Lösungen finden, solange sie die Konsequenzen ihres Handelns tragen. Bislang habe ich dabei ein gutes Gefühl. Es gibt keinen Ärger, sofern sie nicht lügen. Ich sage ihnen immer: «Ihr müsst mir natürlich nicht alles erzählen und dürft euch ausprobieren, aber ich möchte nicht angelogen werden!» Ob das eine gute Strategie ist, werde ich erst in ein paar Jahren wissen.

Neben dem Job schmeiße ich den Großteil des Haushaltes. Ich liebe meinen Mann über alles. Leider ist er selten zu Hause seit seiner Selbständigkeit. Wir haben deshalb auch eine Putzfee engagiert, die uns mit der Reinigung unterstützt. Ich schaffe es schlichtweg nicht mehr allein. Am Abend ist kaum noch Kraft vorhanden, um sich über den Tag auszutauschen und Pläne für die Wochenenden zu schmieden. Gefühlt vegetiert jeder dann einfach vor sich hin. Wie ein Familienleben fühlt sich das schon lange nicht mehr an. Wie machen das nur die anderen Familien? Scheinbar problemlos wuppen sie ihren Alltag mit Arbeit und Familie und die Mütter sind dazu meist noch top gestylt. Am Wochenende sehe ich einige von ihnen Sport am See treiben. Irgendetwas mache ich doch falsch. In diesem Moment habe ich das Gefühl, das Haus erdrückt mich. Ich lasse das Chaos im Ankleidezimmer Chaos sein und ziehe mich an. Schon lange war ich nicht mehr allein am See.

Kapitel 3

Ich gehe mit gesenktem Blick auf dem schmalen Weg entlang des Sees durch den Buchenwald. Das Laub raschelt unter meinen Stiefeln. Der Herbst lässt die Blätter der hohen Bäume in den wärmsten Farben strahlen. Durch die den Waldboden bedeckenden Blätter aus Rot, Orange, Gelb und Braun schimmert hier und da sattes Grün auf moosbedecktem Totholz. Beim Blick auf den See erinnere ich mich an den letzten Sommer, als ich hier mit den Kindern häufig baden war. Die Erinnerung an glückliche und ausgelassene Zeiten zaubern mir ein Lächeln ins Gesicht, dass gefolgt wird von einem Stechen im Herzen. Warum kann ich das Glück nicht mehr fühlen?

Der See liegt heute ruhig. Der Wald ist nahezu still. Nur dann und wann ist in der Ferne Vogelgezwitscher zu hören. Ich atme tief ein, fast so, als ob ich mit der frischen Luft neue Energie in mir aufnehmen könnte. Der Duft von Steinpilzen macht sich breit. Viel zu lange habe ich mir eine solche Auszeit nicht mehr gegönnt.

Gehüllt in meinen roten Lieblingsmantel verschmelze ich mit den Farben des Waldes. Die ewig kalten Hände stecken angespannt in den Manteltaschen. Ich gelange an eine Bank und lasse mich nieder. Die Sonne steht hoch über dem See. Ich schließe die Augen, strecke das Gesicht gen Sonne, als könnten die Strahlen die dunklen Ringe unter meinen Augen verschwinden lassen. Die Stille beruhigt meine aufgewühlte Seele auf wundersame Weise. Ich genieße den Blick auf den malerischen See.

Nach kurzer Zeit zerstört das Klingeln meines Handys jäh die Ruhe. Ich hatte mir eine Erinnerung eingespeichert, um die Kinder rechtzeitig aus Kindergarten und Hort abzuholen. Hektisch ziehe ich mein Handy aus der Tasche, um den Klingelton auszuschalten. Ich erhebe mich widerwillig und bedauere innerlich zutiefst, nicht länger an diesem schönen Ort verweilen zu können. Schnellen Schrittes mache ich mich auf den Rückweg. Vorbei an dem Baumstumpf, der über und über mit Efeu bedeckt ist. Im Sommer hatte ich ihn auf einem Foto gekonnt in Szene gesetzt. Das Foto sollte mich an diesen Ort erinnern und immer dann wachrütteln, wenn ich mich und meine Interessen wieder hinter allem anderen stellte. Heute nehme ich das schöne Motiv nur am Rande wahr und bin mir nicht sicher, ob ich das Foto überhaupt an meine Pinnwand gehängt habe. Es kommen Zweifel daran auf, ob ich tatsächlich etwas verändern kann, wenn die guten Vorsätze im Alltag alle so schnell verpuffen. Hier handelt es sich nur um ein Foto. Wie soll es mit den großen Veränderungen erst funktionieren? Wieder steigen mir vor Verzweiflung Tränen in die Augen. Ich wische sie weg und setze meinen Weg fort. Wenige hundert Meter weiter an einer kleinen Lichtung erstarre ich und bleibe stehen. War diese Weggabelung auch auf dem Hinweg schon da? Wieder werde ich von meinen Gefühlen überrollt. Ein Schauer läuft über meinen Rücken. Wärme macht sich bis in den letzten Winkel meines Körpers breit. Der Magen kribbelt, als ob eine Armee von Ameisen durch ihn hindurchwandert. In diesem Moment fühle ich es: Glück! Die plötzliche Erkenntnis, dass es nicht nur den Weg zurück in meine persönliche Einbahnstraße geben kann. Die Hoffnung, aus meinem Hamsterrad, das sich Tag für Tag und Woche für Woche für mich nur in eine Richtung dreht, aussteigen zu können. Oder wie meine Omi schrieb: «Empfinde die Tiefen immer als Herausforderung auf dem Weg zu dem, was du wirklich willst. Finde heraus, was es ist, und erfülle dir deine Träume.» Es ist an der Zeit, die Augen zu öffnen und Klarheit zu schaffen, wo meine Reise hingeht. In diesem besonderen Moment fühle ich mich frei und motiviert, mein Leben wieder in die Hand zu nehmen und zu gestalten. Zu lange plätscherte alles vor sich hin.

Kapitel 4

 

Nachdem ich die letzten Tage voll motiviert damit verbracht habe, das Haus auf Vordermann zu bringen, komme ich heute überhaupt nicht hoch. Schon in der Nacht bin ich aufgewacht und spürte dieses Stechen im linken Schulter-Nacken-Bereich. Jede Kopfdrehung sorgt für eine mittelschwere Erschütterung mit einem dumpf nachhallenden Schmerz, der schier nicht aufzuhören scheint. Ach bitte, nicht schon wieder Migräne. Schon öfters haben mich diese fiesen Kopfschmerzattacken außer Gefecht gesetzt. Auch heute bleibt mir nur, Paul zu sagen, dass ich nicht kann, und mir die Decke über den Kopf zu ziehen. «Ich kümmere mich um die Kinder. Brauchst du eine Tablette?» «Ja bitte.» Paul schiebt sich aus dem Bett und verschwindet kurz. Als er gleich darauf mit der Migränepille zurückkommt, spüle ich sie mit reichlich Wasser herunter. Gleich darauf trete ich schon wieder weg und drifte in den Schlaf.

Als ich aufwache, ist das Haus ruhig. Zum Glück scheint die Tablette Wirkung zu zeigen. Der Kopfschmerz ist weg, aber ich habe das Gefühl, die Welt dreht sich. Ich öffne zaghaft die Augen. Der geschlossene Vorhang lässt nicht erahnen, wie lange ich geschlafen habe. Ich öffne die Tür. Das grelle Licht im Flur lässt mich sofort die Augen wieder zukneifen. Mein Kopf fühlt sich nun an, als säße er im Kettenkarussell. Alles dreht sich immer schneller und mir wird übel. Mit geschlossenen Augen taste ich mich schwankend ins Bad. Ich schaffe es noch gerade so, den Klodeckel zu öffnen, als sich mein Magen auch schon entleert. Mein Körper zittert und ich friere. Ich schleppe mich zurück ins Bett. Die nächsten Stunden schlafe ich. Als ich erneut aufwache, bin ich vom Schmerz befreit und trotzdem fühle ich diese gottverdammte Leere. Ich blicke aufs Handy. Verdammt schon so spät! Ich trotte zunächst ins Bad und anschließend mit dem Vorsatz in die Küche, mir eine Kleinigkeit zum Mittagessen zu kochen. Nur wenige Minuten später stehe ich eben dort und weiß nicht mehr, warum. Ich starre aus dem Fenster und denke nach. Schließlich koche ich mir einen Tee und verschanze mich auf der Couch.

Am Nachmittag erwartet mich ein Termin mit Oskar bei der Kinderärztin. Schon beim Betreten der Kindertagesstätte höre ich ihn weinen. Nach der Migräneattacke am Morgen wünsche ich mir, den restlichen Tag keine Probleme wälzen zu müssen. Dafür bin ich heute einfach zu schlapp. Mir schwant, dass dieser Wunsch unerfüllt bleibt. «Was ist denn passiert?», frage ich mein schluchzendes Kind, als es sich um meine Beine klammert. Kaum im Stande auch nur einen Satz im Ganzen zu sagen, stammelt er etwas von: «Marian... geärgert... gehauen» und «Luise hat geschimpft». Ich schaue Luise ungläubig an. Schon öfter hatte ich das Gefühl, dass sie Oskar nicht mag. Bei einer anderen Gelegenheit, in der sie sich scheinbar nicht beobachtet fühlte, hatte ich bereits mitbekommen, wie sie ihn wegen einer Kleinigkeit angiftete. Als sie mich dann in der Tür stehen sah, lächelte sie freundlich und strich Oskar sanft über den Kopf. Heute erklärt sie mir, Oskar hätte Marian geärgert und sollte deshalb bis zum Essen am Tisch sitzen bleiben. «Haben Sie die Situation beobachtet, Luise?» «Nein, aber Marian denkt sich doch nicht aus, dass Oskar ihn schubst», sagt Luise forsch und verschränkt ihre Arme, was mich sauer macht. «Das sehe ich etwas anders. Oskar hat mir schon öfter erzählt, dass Marian die anderen aus der Gruppe gern triezt, bis sie sich wehren. Sie sollten vielleicht einmal darüber nachdenken, ob es nicht sinnvoller wäre, beide Kinder anzuhören.» Den Ärger in meiner Stimme kann ich nur schwer unterdrücken, versuche aber so freundlich wie möglich zu bleiben. «Wie ich mit Konflikten umgehe, müssen Sie mir schon überlassen,» gibt Luise mir genervt zurück und ich spüre die Wut nun endgültig in mir hochkochen. Tatsächlich habe ich schon von mehreren Eltern gehört, dass Marian bei Luise wohl eine Sonderposition einnimmt, wofür er nichts kann. Mir fällt es inzwischen schwer die Nerven zu behalten. Ich reibe mir mit der rechten Hand aufgeregt die Stirn und muss tief ein und ausatmen, damit ich nicht platze. Es brodelt. Ich streichle Oskar sanft über den Kopf und entscheide mich auch im Sinne meines Sohnes keine weiteren Diskussionen mit dieser aufgeblasenen Schnepfe zu führen. Dafür war meine Nacht einfach zu katastrophal. Oskar zieht sich die Jacke an und ich helfe ihm in die Schuhe. Gemeinsam verlassen wir die Kita. Im Auto gebe ich Oskar einen dicken Kuss auf die Stirn. Er hat nichts falsch gemacht und soll das auch nicht denken. Offensichtlich hatten wir beide einen echt miesen Tag. Dann fahren wir direkt zur Kinderärztin.

Die Praxis ist nahezu leer, wir müssen nicht lange warten. Nachdem die Vorsorgeuntersuchung abgeschlossen ist und Oskar alle Tests problemlos gemeistert hat, bitte ich die Ärztin um ein Gespräch unter vier Augen. Ich mache mir große Sorgen um mein Verhältnis zu Oskar und möchte nicht in seiner Gegenwart über ihn sprechen. Die Kinderärztin sieht in mein besorgtes Gesicht und bitte die Schwester, meinen Sohn ins Spielzimmer zu begleiten. Als sich die Kinderärztin mir zuwendet, werde ich etwas nervös. Es ist mir peinlich, aber ich brauche wirklich Hilfe. Deshalb überwinde ich mich. «Seit einiger Zeit reagiert Oskar sehr unbeherrscht, wenn er nicht seinen Willen bekommt,» fange ich an und sofort schießen mir die Tränen in die Augen. «Ganz in Ruhe, Frau Wagner,» die Ärztin reicht mir eine Taschentücherbox. In meinem Hals bildet sich sofort ein Kloß. Ich muss kurz durchatmen, um weitersprechen zu können. «Seit mehreren Monaten rastet Oskar regelmäßig aus. Er schreit rum. Er wirft Gegenstände umher. Letztens konnte ich ihn gerade noch aufhalten, den Küchenstuhl in die Glastür zu stoßen. Er ist dann kaum zu bändigen.» In diesem Moment komme ich mir so klein vor. Ich, Mutter von drei Kindern kriege den Jüngsten nicht in den Griff.

«Wird Oskar auch körperlich?»

«Ja, leider. Meist aber nur bei mir. Vor kurzem hat er mich mit seinem Hinterkopf am Nasenbein erwischt. Er boxt und tritt. Ich kann ihn manchmal kaum bändigen. Es gab schon Tage, an denen ich mit ihm fest umklammert am Boden saß und ihn so lange festgehalten habe, bis er sich beruhigt hat. Seine Kraft ist auf negative Weise beeindruckend. Ich weiß nicht, was ich falsch mache.»

«Sie sagten, es passiert nur bei Ihnen. Heißt das, im Kindergarten verhält er sich nicht so?» «Nein, ich habe mit Claudia gesprochen. Sie ist aus allen Wolken gefallen und konnte sich dieses Verhalten bei ihm nicht vorstellen.»

«Und wie ist es zu Hause. Macht er das auch mit Ihrem Mann oder seinen Geschwistern?»

«In dieser Intensität reagiert er nur auf mich. Wissen Sie, er kann aber auch einfach nicht hören. Ein Nein zu akzeptieren, fällt ihm so schwer. Nur kann ich ihm doch nicht alles durchgehen lassen. Ich bin am Ende.» Ich schlage die Hände über meinem Kopf zusammen und seufze. Tränen fließen aus den Augen. Ich schüttle mit dem Kopf. Mein Körper fühlt sich so kraftlos an. Ich könnte auf der Stelle vom Stuhl rutschen.

 «Und Sie denken, das Problem liegt bei Oskar?»

«Frau Wagner nichts für ungut, aber kann es sein, dass es Ihnen nicht gut geht und Oskar Ihnen auf diese unbewusste Art den Spiegel vorhält?» Sie rutscht mit ihrem Bürostuhl dichter an mich heran und schaut mir tief in die Augen. «Wissen Sie, ein auffälliges Verhalten wäre es, wenn er im Kindergarten so auf die Erzieherinnen oder auf andere Personen außerhalb seiner vier Wände reagieren würde. Zu den Eltern besteht immer eine besondere Bindung, die auf ihre Art eben auch sehr zerbrechlich ist. Es ist schon auffällig, dass er es nur bei Ihnen macht.»

«Ja. Das habe ich schon geahnt», gebe ich leise zu. Es schämt mich, mir das einzugestehen. Gerade ich, die es versucht immer allen Recht zu machen, gerät mit dem Jüngsten jetzt so an die Grenze? Das ist unfair.

«Wenn ich Ihnen einen guten Rat geben darf. Suchen Sie sich extern Hilfe», versucht die Ärztin mich zu ermutigen. «Manchmal bringt der Blick von außen Licht ins Dunkel. Niemand muss sich schämen, psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen.» Bei diesem Wort stellen sich mir die Nackenhaare auf. Der letzte Arzt, der mir das empfohlen hat, konnte keine medizinisch plausible Erklärung für meine seit drei Jahren anhaltend starken Rückenschmerzen finden. Und mein Hausarzt schob mir auch beim letzten Besuch die Möglichkeit einer Überweisung zum Facharzt, der sich mit Erschöpfungssyndrom und anderen Erkrankungen besser auskennt, unter.

Psychotherapie! Ich meine bislang konnten Paul und ich uns doch immer selbst helfen. Aber ich bin mit meinen Nerven am Ende. Die Gedanken und Gefühle, die ich gegenüber Oskar manchmal habe, werden auch immer schockierender. Vielleicht ist es hilfreich, zu ergründen, wo eigentlich das Problem liegt. Ich bedanke mich für das vertrauensvolle Gespräch und die Zeit, die sie sich genommen hat.

«Sie sind eine taffe Frau mit einer starken Familie und werden es schaffen. Alles Gute für Sie.»

Mein quietschvergnügtes Kind erwartet mich spielend mit zwei anderen Kindern im Warteraum. Danke, dass es jetzt einfach mal funktioniert hat!

 

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