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Die Grenze der Dunkelheit

Die Grenze der Dunkelheit · Romane

Die Suche nach Wissen kann tödlich enden . Hinter der Grenze der Lichtgeschwindigkeit wartet die Dunkelheit.

Was möchtest du mit dem Buch bewirken?

"Die Menschheit hat das Sonnensystem erobert. Am Weg zu neuen Sonnensystemen, verbringen Kolonisten Jahrzehnte im Kryoschlaf, um das Ziel ihrer Träume zu erreichen. Bis die Entwicklung des Portalantriebes die Hoffnung weckt, die Tore zur Galaxis aufzustoßen. Doch der Jungfernflug des experimentellen Forschungskreuzers Koukishin scheitert und das Schiff unter dem Kommando seines Schöpfers, Ishmael Molina, verschwindet spurlos. Vierzig Jahre später tauchen Hinweise auf den Verbleib der Koukishin auf. Eine kleinen Crew bricht auf, um das Rätsel zu lösen. Nicht ahnend, dass sie damit eine Bedrohung entfesseln, der die Menschheit nichts entgegen zu setzen hat. " Meine Romane sollen Unterhalten und gleichzeitig zum Nachdenken anregen. Dies aber ohne mit dem erhobenen Zeigefinger erzählt zu werden. Ich erzähle gerne Geschichten, in denen einzelne die grundlegenden Werte von Ethik und Moral hinter sich lassen, um ihre eigenen Ziele zu verfolgen. Die daraus resultierenden Konsequenzen müssen andere tragen. Dabei versuche ich zu ergründen, was die einen antreibt, menschliche Werte völlig zu vergessen und andere, ihr Leben aufs Spiel zu setzen um diese Fehler zu korrigieren. Die Grenze der Dunkelheit stellt die Frage, wie weit man gehen darf, um neues Wissen zu erlangen und wie weit Menschen bereit sind ihre Liebsten zu gefährden, um ihre eigenen Ziele zu erreichen.

Über den/die Autor:in

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Michael Hirtzy, 1976 in Graz geboren, absolvierte die Lehre zum Buchhändler bevor er eine Expedition in die bunte Arbeitswelt unternahm. Berufssoldat, Anzeigenkeiler, Verlagsvertreter und IT Consulta...

PROLOG – Mitten im Nichts

Zweiundfünfzig Stunden waren vergangen, seitdem Akif mit seinem Leben abgeschlossen hatte.

Warum hatte er sich mit seiner altersschwachen Barke auf diesen Job eingelassen? Die Antwort war so einfach wie niederschmetternd.

Weil er verzweifelt war. Die 87 Jahre alte Hanabira war Schrottreif und ihm fehlte das Geld sie reparieren zu lassen.

Niemand vergab Aufträge an einen Schrottsammler, der mit 109 Jahren um etliches älter als sein Schiff war und gesundheitlich kaum besser dastand, als die Technik seines veralteten Kahns. Den Zeitpunkt abzuspringen hatte er schon vor fünfzehn Jahren versäumt. Damals wäre noch genug übrig gewiesen, um sich bescheiden zur Ruhe zu setzen. Jetzt war er Pleite und hatte in seiner Verzweiflung dieses Himmelfahrtskommando angenommen.

Dabei brachte die Bergung der Jahrzehntealten Forschungsbojen im Kuipergürtel bestenfalls genug Geld ein, um die Aufwendungen für die ganze Mission zu bezahlen. Aber was blieb ihm anderes übrig?

Immer noch besser, als darauf zu warten, dass die Maschinen der Hanabira im Enceladus Dock vor sich hin rotteten, während die Liegegebühren Geld auffraßen, über das er gar nicht verfügte. Also hatte er den Job angenommen und war mit einem ISC Tender an den Rand des Sonnensystems geflogen.

Drei Tage lang hatte alles geklappt. Dann waren zwei der drei Kühlmittelleitungen geplatzt. Die mit Hochdruck austretenden Flüssigkeit hatte eine Spur der Verwüstung durch den Maschinenraum gezogen. Die Lebenserhaltungssysteme waren hinüber. Genauso wie die Funkanlage und das Kühlsystem des Antriebs. Akif hatte es gerade noch in den Schutzanzug geschafft und zu überlegen begonnen, ob es nicht einfacher wäre, die Ausstiegluke seiner Barke zu öffnen, und sich der ungeschützten Kälte des Vakuums auszusetzen.

Da hatte die Ortung angeschlagen. Sechsundvierzig Stunden später war er an seinem Ziel, und am Ende dessen angekommen, was die Hanabira noch schaffte. Der Antrieb war überhitzt, der Sauerstoffvorrat seines Anzuges ging zur Neige.

Aber den Anblick, den Akif durch die Sichtscheibe erblickte, lies in ihm die Hoffnung keimen, dass er aus der Scheiße in der er steckte, doch noch Gold machen könnte.

Er wollte seinen Augen nicht trauen. Vor ihm, im Orbit des winzigen Plutomondes Kerberos, driftete ein gigantisches Schiff. Er brauchte keine Datenbank um zu wissen, was da vor ihm lag. Jedes Kinde kannte die tragische Geschichte der Koukishin.

Das Meistwerk der Technik, das vor neununddreißig Jahren aufgebrochen war, um die als unüberwindbare geltende Grenze zur Überlichtschnellen Raumfahrt zu überschreiten. Von ihrem Jungfernflug durch das eigens dafür gebaute Transferportal war sie nie zurück gekehrt. Das Ziel ihrer Reise, das unter unvorstellbarem Aufwand, in einer dreißigjährigen Reise, nach Proxima Centauri gebrachte Gegenportal, hatte sie nie passiert.

Niemand wusste, was mit der Koukishin und ihrer Crew geschehen war. Und dieses Schiff lag vor ihm. Leblos, beschädigt, nur darauf wartend, von ihm in Besitz genommen zu werden. Die Widerentdeckung und die damit einhergehenden Bergerechte mussten mehr Wert sein, als alles, was er je geborgen hatte.

Sein Herz hüpfte vor Freude. Das war der Jackpot, auf den alle Schrottsammler hofften. Die meisten vergeblich. Aber sein Leben würde mit dem heutigen Tag eine positive Wendung nehmen.

Vorsichtig, darauf bedacht den förmlich glühenden Antrieb nicht auf den letzten Metern zu überlasten, brachte Akif die Hanabira näher an die Koukishin. Am Heck des Hauptmoduls befand sich eine Andockmöglichkeit. Quälend langsam glitt er, den an der Unterseite seiner Barke ausgefahrenen Andockstutzen voraus, darauf zu. Es war Jahre her, seitdem er zuletzt ein manuelles Andockmanöver durchgeführt hatte. Akifs Hände zitterten. Schweiß stand ihm auf der Stirn und rann in Bächen über sein Gesicht. Wenn er jetzt einen Fehler machte, war alles vorbei. Eine zweite Chance würde er nicht bekommen.

1 - Missionszeit T-Minus 5 Stunden - Hikaru

 

Das Wecksignal erfüllte die Kabine und hallte, wie eine Feuersirene, durch die acht Quadratmeter. Es hätte Erin brutal aus dem Schlaf gerissen, wenn sie nicht schon seit zwei Stunden wach gelegen hätte. Mit einem Wink der Hand ließ sie das Heulen verstummen. Dann lag sie lag wieder reglos da und starrte zur kalten, grauen Stahldecke. Nicht so Jantila, die bisher sanft schlummernd neben ihr gelegen hatte. Sie saß vom Alarm aufgeschreckt kerzengerade im Bett.

»So ein Mist!« rief Jantila. »An das verflixte Geheule werde ich mich nie gewöhnen. Da wünsche ich mir die Ruhe der Tiefschlafkammer zurück.«

Erin reagierte nicht, denn Ähnliches hatte sie in den letzten drei Tagen jeden Morgen gehört. Sie lauschte den Geräuschen des Kurierschiffes, die sie noch immer nervös machten.

     An das unterschwellige Summen der Luftumwälzung hatte sich Erin schnell gewöhnt. Schon einen Tag, nachdem die Crew der Hikaru sie beide aus den Tiefschlafkammern geholt hatte, war es in den Hintergrund getreten. Ganz im Gegenteil zum Brummen den Antriebes, dem gluckern der Kühlflüssigkeitsleitungen und den unzähligen anderen Geräuschen, deren Herkunft sie noch nicht herausgefunden hatte. Am schlimmsten war das, durch Mark und Bein gehenden, Knarzen des gesamten Rumpfes, wenn sich die Solarpaneele neu ausrichteten. Selbst nach zwei Wochen befürchtete Erin jedes Mal, dass die Hülle um sie herum brechen würde.

»Das ist völlig normal«, hatte Anjing, die drahtige Bordtechnikerin, in einem ungewöhnlichen Anfall von Freundlichkeit gesagt »Sorgen braucht ihr euch erst zu machen, wenn die Geräusche nicht mehr da sind. Dann haben wir den Arsch offen.«

Das hatte nichts zu Erins Beruhigung beigetragen. Am liebsten wäre sie sofort wieder in die Tiefschlafkammer gegangen. Aber dann hätte sie ihren Außenbordeinsatz vergessen können. Als Ärztin wusste sie, dass es drei Tage dauerte, bis alle Medikamentenrückstände abgebaut waren. Sie selbst hätte keinem erfahrenen Astronauten direkt nach der Hibernation die Erlaubnis zu einem Weltraumspaziergang erteilt. Geschweige den zwei Laien wir ihr und Jantila.

»Hängst du mal wieder deinen Gedanken nach?« fragte ihre Frau, die sich zwischenzeitlich gefangen hatte. Sie neige den Kopf zur Seite und sah Erin fragend an. Jantilas schulterlange, aktuell violett gefärbte Haare, flatterten um ihr Gesicht. In der reduzierten Schwerkraft von einem Drittel G – mehr schafften die Gravitationssysteme der Hikaru nicht – sah es so aus, als würden sie in Wasser schweben. Ihre vom täglichen Sport muskulösen Arme spannten sich unter dem T-Shirt, dem einzigen Kleidungsstück, dass sie im Bett trug. Der Anblick ihrer Frau löste auch nach all den Jahren immer noch eine wohlige Wärme in Erin aus, die selbst die ständige Kälte an Bord der Hikaru vertrieb.

»Ja«, antwortete Erin auf die Frage »Ich mache mir Sorgen, ob alles klappen wird.«

Sie richtete sich im Bett auf. Danke der geringen künstlichen Schwerkraft, die gerade ausreichte damit nichts herumschwebten und man halbwegs normal Gehen konnte, war die Bewegung eine Leichtigkeit.

Jantila strich ihr mit einer Hand über die Wange: »Wir sind alles zigfach durchgegangen. So lange wir uns an die Regeln halten, die uns die Trainer auf Luna mitgegeben haben, kann uns nichts passieren.«

»Ich bewundere dich, für deine Ruhe. Seit Anjing aus dem Tiefschlaf geholt hat, frage ich mich, ob es eine gute Idee war.«

»Hier raus zu kommen?«, Jantilas Hände legten sich fest, aber nicht unangenehm, auf Erins Schultern »Ja, es war die richtige Entscheidung. Wir haben das oft genug diskutiert. Worauf hättest du warten sollen? Bis das ISC in einem Jahr, oder noch später, ein Forschungsschiff entbehren kann?«

Erins angespannte Schultern sanken leicht nach unten: »Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich das ausgehalten hätte. Die Warterei hätte mich verrückt gemacht.«

»Und du irgendwann mich.« Jantila lies Erin los und schwang die Beine aus dem Bett. Auch nach all der Zeit raubte der Anblick Erin immer noch den Atem. Sie selbst war nicht unsportlich, aber mit ihrer Körpergröße von einem Meter fünfundsechzig wirkte sie immer ein wenig gedrungen. Ganz im Gegensatz zu Jantila, deren tägliches Training ihr über eins achtzig perfekt in Form hielten. Erin schätzte sich glücklich, dass sie die Reise an den Rand des Sonnensystems nicht alleine hatte antreten müssen. Jantila hielt zu ihr, wie sie es seit dem ersten Tag getan hatte. In diesem Moment, fünf Stunden bevor sie ihr Ziel erreichen würden, wurde Erin bewusst, dass sie das viel zu selten sagte. Sie griff nach Jantilas Arm: »Du weißt, dass du mir alles bedeutet?«

Jantila, die gerade am Weg zur Hygienezelle war, hielt inne und drehte sich um: »Warum fragst du das?«

»Du reist mit mir an den Rand des Sonnensystems. Fast fünf Milliarden Kilometer. Zwölf Wochen Flugzeit, davon neun in der Tiefschlafkammer, nur damit ich herausfinden kann, was mit meinem Großvater geschehen ist. Dem Mann, der dich verabscheut hat.«

Jantilas Lippen zeigten ein breites Grinsen: »Du übertreibst. Egal, wen du angeschleppt hättest, Mann, Frau, einen Waschbären oder Tannenzapfen. Er hat alles abgelehnt, was dich von deinem Studium ablenken konnten.«

»Er wollte immer mein bestes…«

»Nur hat er dabei manchmal vergessen, dass du ein menschliches Wesen bist, nicht eines seiner Versuchsobjekte.«

Insgeheim stimmte ihr Erin zu. Ihr Großvater war in der schwersten Zeit ihres Lebens für sie da gewesen. Ishmael hatte sie aus dem schwarzen Loch gerissen, in das sie nach dem Unfalltod ihrer Familie gestürzt war. Rebecca und ihre Eltern waren, von einem Moment auf den anderen, aus ihrem Leben gerissen worden. Körperlich war Erin unbeschadet geblieben. Aber ihre kindliche Seele war mit ihnen in den Abgrund gestürzt. Bis Ishmael und seine damalige Lebensgefährtin Svea sie vor sich selbst gerettet hatten.

Jantila sank wieder auf die viel zu weiche Matratze und legte ihren Arm um Erins Schultern: »Mit ihm hast du deine Familie verloren.«

Erins Augen verengten sich zu schlitzen: »Sag so etwas nicht. Du bist meine Familie.«

»Trotzdem ist er die letzte Verbindung zu deinen Eltern und deiner Schwester. In deinem tiefsten Inneren hoffst du, dass er die Reise überlebt hat. Der Optimismus ist ein Teil von dir und macht dich zu der Frau die ich liebe, mit der ich seit zwei Jahrzehnten verheiratet bin.«

Erin entspannte sich wieder: »Deshalb ist es mir so wichtig, das du mitgekommen bist.«

Jantila lachte auf: »Nicht zu vergessen, das ich die einzige Person in diesem Raum bin, die dir den Arsch retten kann, falls da draußen böse Zombies auf dich warten.«

Die Anspannung, die bisher auf ihr gelastet hatte, löste sich endgültig und Erin brach in schallendes Gelächter aus: »Ich mache mir mehr sorgen, dass wir gar nichts finden. Was, wenn sich das alles als Fehlschlag erweist? Wenn wir nichts finden?«

»Nichts zu finden, ist genauso wahrscheinlich, wie das uns kleine grüne Aliens erwarten. Die Koukishin ist irgendwie in den Orbit von Pluto gekommen, nachdem sie dreißig Jahre zuvor im Enceladus Portal verschwunden ist. Wenn wir nur herausfinden, wie sie dorthin gekommen ist, sind wir die Helden. Ganz zu schweigen davon, sollten wir erfahren, wo sie die drei Jahrzehnte verbracht hat.«

»Aber was, wenn wir keine Daten auf der Kouksihin finden?« bei dem Gedanken an diese Möglichkeit, griffen wieder die Sorgen nach ihr.

Jantila erhob sich wieder vom Bett, wobei sie Erins Hände fest in ihren hielt. Vor ihr stehend, sah sie ihre Frau bestimmt an: »Erin Keyla Molina, du bist eine begnadete Ärztin, eine unnachgiebige Wissenschaftlerin, eine wunderhübsche Frau und – auch wenn manche gegenteiliges Behaupten – eine passable Köchin. Aber von Datenrekonstruktion verstehst du einfach gar nichts.«

Damit traf Jantila den Nagel auf den Kopf. Was Technik abseits medizinischer Gerätschaften anging, war Erin unbedarft.

»Dafür habe ich dich«, murmelte sie kaum verständlich.

»Zum Glück, sonst würdest du dich schon beim Einrichten eins Passwortes unrettbar verzetteln.«

Erin erkannte den Schalk in Jantilas Augen, wusste aber, dass ihre Behauptung nicht soweit von der Realität entfernt war: »Ganz so schlimm ist es auch wieder nicht«, versuchte sie sich zu verteidigen.

»Ach so? Wer hat denn unser Haus-Reinigungssystem beim Software-Update zum Absturz gebracht? Oder hast du schon vergessen, wie der Reinigungsroboter sich in der Dusche ertränkt hat?«

Erin konnte sich vor Lachen nicht mehr halten. Jantila wusste, was sie tun musste, um sie auf andere Gedanken zu bringen: »Schon Gut, ich gebe mich geschlagen.«

»Eine gute Entscheidung. Aber worauf ich eigentlich hinaus wollte«, sie wurde wieder ernst »Daten lösen sich nicht einfach in nichts auf. Egal was der Koukishin widerfahren ist, irgendwo in den Untiefen dieses Kolosses befinden sich Aufzeichnungen davon. Und genau dafür bin ich dabei.«

Erin hob die Hand, um Jantila zu unterbrechen: »Genau aus dem Grund habe ich die größte, grandioseste und allwissendste Datenforensikerin der ISC mitgenommen.«

»Ach wirklich? Nur wegen meines Fachwissenes? Und ich dachte, du hättest mich eingeladen, weil ich jeden Abend mit dir ins Bett gehe.«

In diesem Augenblick unterbrach sie eine viel zu laute Durchsage aus dem Bordnetz: »Guten Morgen ihr beiden Turteltauben. Schwingt eure Gebeine aus dem Bett und schafft sie umgehend in den Gemeinschaftsraum. Wir haben hier noch etwas anderes zu tun, als auf euch zu warten.«

Bevor sie antworten konnten, war die Verbindung schon wieder unterbrochen.

»Anjing«, stellte Jantila fest »Ein wahrer Sonnenschein, heute wie am ersten Tag. Ich glaube, am liebsten würde sie uns einfach aus der Luke schmeißen und wieder umdrehen.«


 

2 - Missionszeit T-Minus 5 Stunden - Hikaru

 

»Ich fühle mich wie eine Babysitterin«, schimpfte Anjing Zambrano als sie die beengte Brücke betrat. Wie immer musste sie sich bücken, um nicht am niedrigen Türrahmen anzustreifen. Schon für normalgroße Crewmitglieder war der Durchgang knapp bemessen. Aber an die Möglichkeit einer fast zwei Meter großen, bulligen Bordtechnikerin, hatte bei der Konstruktion niemand gedacht.

Alles an Bord der Hikaru war beengt. Am schlimmsten aber war es auf der Brücke, die zwischen allen Terminals, Displays und der drei Meter durchmessenden Sichtkuppel knapp vier Quadratmeter Fläche für zwei Sitzplätze bereithielt.

Durch das transparente Panzerkarbon sah Anjing Pluto, jene graubraune lebensfeindliche Kugel die den äußersten Rand des Planetensystems kennzeichnete. Irgendwo daneben lag ihr Ziel. Kerberos. Anjing kannte den Mond nur von Holos, auf denen er wie ein grauer, unförmiger Schlammklumpen aussah.

Die Projektion in der linken oberen Ecke der Sichtscheibe zeigte die Entfernung. In rund einer Stunde würden sie so nahe sein, dass der Mond auch mit freiem Auge sichtbar sein würde.

»Dir auch einen guten Morgen«, antwortete Aaron Nasredin, der um einen Kopf kleinere Pilot, Kommandant und – neben Anjing – die zweite Hälfte der Stammcrew des Kurierschiffes. Er saß, wie meistens, im Pilotensitz. Obwohl die Systeme unverzüglich Alarm geschlagen hätten, wenn es zu einer Abweichung vom geplanten Kurs gekommen wäre, kontrollierte er unablässig die Anzeigen. Aaron war genauso pedantisch wie mürrisch und verstand sich daher perfekt mit Anjing.

Nicht umsonst zogen sie beide den Job auf einem Kurierschiff den, wesentlich besser bezahlten, Arbeitsplätzen auf Forschungskreuzern oder Passagiertendern vor. Mit gerade einmal fünfzig Metern länge, ein Drittel davon das Antriebsmodul, war die Hikaru eines der kleinsten noch im Einsatz befindlichen Schiffe ihrer Klasse. Äußerlich ähnelte die Hikaru einem sechseckigen, vorne schmal zusammenlaufenden Kasten. Ohne die Solarpaneele und die unzähligen an der Außenhülle angebrachten Antennen und Sensoren hätte man sie eher für ein im All treibendes Stück Metall, denn für ein seit vierzig Jahren im Dienst befindliches Schiff gehalten.

»Was soll an dem Morgen gut sein?«, fragte Anjing »Wir gurken an den äußersten Rand des Sonnensystems um zwei Frauen zu einem Wrack zu kutschieren. Verdammt noch mal, die Hikaru ist ein Kurierschiff, keine Raumjacht für Freizeitausflüge.«

Aaron blies die Backen auf und lies die Luft hörbar entweichen, bevor er antwortete: »Müssen wir das wirklich jeden Tag durchkauen? Ich hab genau so viel Freude damit wie du. Aber Peterson, als Forschungsdirektor und Flottenverantwortlicher der ISC auch unser Chef, will das wir mit den beiden hier heraus fliegen. Punkt. Der Boss befielt und wir machen es.«

Anjing war sich nicht sicher, ob sein verärgertes Kopfschütteln ihrem Ausbruch oder seiner eigenen Frustration mit der Situation geschuldet war. Gerade deswegen konnte sie sich die Frage, die ihr schon seit Wochen auf den Lippen brannte, nicht unterdrücken: »Bumst er mit einer oder beiden? Anders kann ich mir das nicht erklären.«

»Da die beiden verheiratet sind, wohl eher nicht. Aber damit sage ich dir nichts Neues. Nimm es mir nicht übel, aber ich bin es Leid das Thema immer wieder um die Ohren geknallt zu bekommen. Wenn du keine nervigen Aufträge übernehmen willst, bleibt dir nur als selbstständige Technikerin anzuheuern. Dann kannst du dir deine Aufträge aussuchen.«

»Und am Hungertuch nagen? Nein danke. Kein Bedarf. Dann lieber babysitten.«

Seufzend sank sie auf den zweiten Stuhl, der in die schmale Ecke hinter dem Pilotensitz, eingeklemmt zwischen Schleuse und einer mannshohen Computerwand, ein einsames Dasein fristete.

Aaron entriegelte seinen Sitz und drehte ihn um 180 Grad, bis er Anjing direkt ansehen konnte: »Könntest du nach vier Tagen schmollen endlich damit rausrücken, was dich wirklich beschäftigt?«

»Abgesehen davon, dass es ich es hasse Langstreckenreisen in den Tiefschlafliegen hinter mich bringen zu müssen?«

Anjing fühlte sich in den Kammern immer wie in einem gläsernen Sarg. Die wenigen Minuten in denen sie darin wach war – kurz vor dem Einschlafen und nach dem Aufwachen – brachten sie immer an den Rand der Panik. Sie hasste es eingesperrt zu sein. Obwohl sie die Technik der Systeme besser als ihre Hosentasche kannte, fühlte sie sich nicht wohl dabei, sich ihnen auszuliefern. Lieber verbrachte sie wochenlange, ereignislose Flüge im Wachzustand. Selbst wenn es für sie nichts zu tun gab. Aber dank der beiden Frauen, war ihnen diese Option genommen worden.

»Gib es doch endlich zu«, forderte Aaron von ihr »Die Frauen sind dir egal. Was dich nervt, ist die drohende Überlastung des Lebenserhaltungssystems.«

Anjing nickte. Genau deswegen hatten sie den Großteil der Reise im künstlichen Koma verbringen müssen. Um die Maschinen, die das Überleben im All ermöglichten, nicht über Gebühr zu beanspruchen. Das Kurierschiff konnte zwei Menschen versorgen, jedes zusätzliche Lebewesen brachte die Systeme in wenigen Tagen an die Grenze des Machbaren. Nicht umsonst verfügte die Hikaru nur über zwei Mannschaftskabinen.

»Dass ich mir eine Kabine mit dir teilen muss, während die beiden sich in meiner Vergnügen, bessert meine Laune auch nicht.«

Bei dem Gedanken daran grinste Aaron anzüglich: »Wenn ich wenigstens eine Überwachungskamera da drinnen hätte.«

»Untersteh dich! Meine Kabine bleibt mein Privatbereich. Oder wird es zumindest wieder sein, sobald wir die beiden losgeworden sind.«

Aaron hob abwehrend die Hände: »Keine Sorge. Ich halte mich von deinem Heiligtum fern. Ich weiß ja, dass du mir sonst die Luftzufuhr abdrehst.«

Er lachte laut. Anjing vertraute ihm, wissend dass er sich bewusst war, dass sie sich gegen jeden der ihr zu Nahe trat verteidigen konnte. Die Grenzen zwischen ihnen waren, trotz aller Freundschaft, eng abgesteckt. Aaron hatte schon früh herausgefunden, wie weit er gehen konnte. Seitdem hielten sie professionellen Abstand. Mehr musste dazu auch nicht gesagt werden.

»Nimm es mit Gelassenheit«, schlug Aaron vor »In zwei bis drei Tagen treten wir wieder den Rückweg an. Länger kann der Besuch auf dem alten Kahn ja nicht dauern. Dann legen wir uns wieder in die Tiefschlafkammern. Eine Woche nach dem Aufwachen haben wir wieder unsere Ruhe.«

Anjings Zeigefinger tippte nervös auf der Armlehne: »Mir graut schon jetzt vor dem Gedanken, wieder neun Wochen in dem Glascontainer zu liegen.«

»Das wirst du auch noch überleben. Freud dich beim Träumen einfach auf die Bonuszahlung die uns Peterson zugesagt hat. Dann vergeht die Zeit wie im Flug.«

»Mieser Scherz, ganz mieser Scherz.«

Trotz aller Versuche Aarons sie zu beruhigen, lastete noch immer eine ungeklärte Frage auf ihr: »Was mir nicht in den Kopf will ist warum das ISC keine qualifiziertere Crew, für den Job gefunden hat? Die beiden verfügen nicht mal annähernd über die Qualifikationen diese Bergungsmission anzuleiten. Welche Erfahrungen bringen sie denn schon mit?«

»Genau so viel wie wir«, Aarons Finger krampften sich, für Anjing gerade noch erkenntlich, in die gepolsterten Armlehnen. Er wusste mehr als er zugeben wollte. Das hatte sie schon beim überhasteten Aufbruch von Luna gefühlt, aber bisher nicht angesprochen »Wir hingen auf Luna herum, hatten keinen Auftrag und die Kosten sind überschaubar. Schon wurden wir zur ersten Wahl für diesen Schwachsinn.«

»Das hast du mir jetzt schon mehrfach erzählt«, in Anjings Stimme schwang der Ärger mit, den sie nur mehr schwer unterdrücken konnte »Aber da steckt doch mehr dahinter. Rück endlich raus damit. Es kann doch nicht nur der Bonus sein.«

Aaron seufzte bevor er sich, sichtlich angespannt, zu einer Antwort durchrang: »Ich weiß nichts Genaues. Du brauchst nicht zu glauben, das Peterson mit mir direkt spricht. Dafür bin ich viel zu weit unter seinem Gehaltslevel. Aber ich kann ein und ein zusammenzählen. Die Koukishin zu finden kann Fluch und Segen bedeuten. Wenn alles glatt läuft, dann hat Peterson die Sensation des Jahrhunderts an der Hand. Aber es gab schon einen Direktor der aufgrund des Koukishin Desasters zurücktreten musste. Hasmid, seine Vorgängerin.«

Langsam verstand Anjing, worauf er hinauswollte: »Finden wir Informationen von Wert, kann er sich seiner Weitsicht rühmen. Finden wir nichts oder geht das Ganze in die Hose…«

»Kann er sich aus der Verantwortung ziehen. Er hat nur den Flug eines Kurierschiffes freigegeben. Oder hast du in unseren Flugbefehlen etwas von einer Schiffsbergung gelesen?«

Anjing schüttelte den Kopf. Als würde sie die Flugorder lesen. Aaron war der Kommandant, sie sorgte dafür, dass ihr altersschwaches Schiff weiterhin fähig war, sie quer durch das Sonnensystem zu bringen. Mehr Interessierte sie nicht.

»Dachte ich mir«, fuhr Aaron fort »Um das Ganze endgültig abzuschließen. Wir sind jetzt einmal hier und werden unsere Passagiere sicher an ihr Ziel bringen. Freu dich auf vier Wochen Urlaub, wenn wir zurück sind.«

Wie meistens, hatte Aaron recht. Falls nicht, schaffte er es zumindest, Anjing zu beruhigen. Ihre Nervosität stieg von Tag zu Tag. Sie wusste warum, aber so lange ihre Kabine von den beiden Passagieren belegt war, konnte sie nicht dagegen tun. Schon alleine deswegen, fieberte sie dem Tag entgegen, an dem die beiden in die Tiefschlafkammern gingen. Dann hätte sie einen Tag Zeit, bevor sie selbst an der Reihe war, um die Hikaru auf den automatischen Langstreckenflug vorzubereiten. Viel wichtiger aber, war die Chance, sich zurückzuziehen. Lange würde sie die Symptome nicht mehr unterdrücken können. Selbst Aaron wusste nichts von ihrem Geheimnis.

»Erde an Anjing«, riss er sie aus ihren Gedanken.

Aaron sah sie fragend an. Wie lange war sie abwesend gewesen? Lag da Skepsis in seinem Blick? Ahnte er schon, dass etwas nicht stimmte? Sie musste sich zusammenreißen: »Sorry, war in Gedanken versunken.«

Aaron tippte mit dem Zeigefinger auf ein Display, das den leeren Gemeinschaftsraum zeigte: »Das ist mir auch aufgefallen. Jetzt wo du wieder da bist, könntest du unsere beiden Damen dazu bewegen, sich zu uns zu gesellen?«

Aaron hatte recht. Es war an der Zeit, die Ausstiegsvorbereitungen zu beginnen. Bevor er noch etwas sagen konnte aktivierte Anjing das interne Com-Netz und entschied, ihren Ärger über sich selbst, an ihren Passagieren auszulassen.


 

3 - Missionszeit T-Minus 4 Stunden - Hikaru

 

Eingehüllt in eine dicke, wärmende Jacke saß Erin an dem viel zu kleinen Tisch im Gemeinschaftsraum. Sei zitterte, teils aufgrund der weiter gefallenen Temperatur, teils vor Ärger über das verhalten der Technikerin. Seit zehn Minuten erklärte sie ihr, dass alleine ihre Anwesenheit daran schuld war, dass die Systeme der Hikaru an der Grenze der Belastbarkeit arbeiteten.

»Solange ihr an Bord seit, muss die Lebenserhaltung das doppelte dessen leisten, wofür sie ausgelegt ist«, fauchte sie Erin an, die immer weiter in sich zusammen sank »Also regt euch nicht auf, dass es kalt wird. Die Luftumwälzung überhitzt, zusammen mit der Sauerstoffaufbereitung. Dazu sind die Kühlsysteme am Anschlag. Um zu verhindern, dass die Systeme zusammenbrechen und uns die Atemluft ausgeht, fährt die Automatik die Heizung runter.«

Während Jantila, neben ihr auf der schmalen Sitzbank saß und der Pilot ruhig an der Küchenzeile lehnte, stromerte Anjing wie ein eingesperrtes Tier im Raum auf und ab. Das schnelle Klicken ihrer Magnetsohlen verstärkte dabei noch den Eindruck, dass sie kurz davor stand zu explodieren. Mit den Armen gestikulierte sie wild in der Luft herum.

»Wir haben euch nicht eingeladen. Als hört verdammt noch mal zu jammern auf und lebt damit!« sie wirkte, als würde sie jeden Moment über den Tisch springen und Erin angreifen.

Jantila spannte sich merklich an, während Erin versuchte zu verstehen, wie eine einfache Frage diese Tirade ausgelöst hatte. Sie machte sich Sorgen. Das Verhalten, dass Anjing an den Tag legte, war nicht normal. Sie hatte nur wenige Tage mit der Frau im Wachzustand verbracht. Zu wenig um sie wirklich kennen zu lernen. Aber vor dem Abflug war sie zurückgezogen, mürrisch aber nicht aggressiv gewesen. Irgendetwas stimmte hier nicht. Ihre Erfahrung als Ärztin, lies in Erin einen Verdacht aufkeimen. Alles deutete darauf hin, dass Anjing Drogenabhängig war. Aber konnte sie das Risiko eingehen Anjing, vier Stunden vor dem Übertritt zur Koukishin noch mehr zu verärgern?

Lag sie mit ihrer Vermutung richtig, wäre Aaron verpflichtet gewesen, Anjing sofort außer Dienst zu stellen. Was einen Abbruch der Mission bedeutete hätte. War ihre Annahme allerdings falsch, hätte sie die Technikerin noch mehr gegen sich aufgebracht. Was ebenfalls den Einsatz gefährden würde. Denn ohne sie wären die technischen Maßnahmen, die notwendige waren um alles nach Plan umzusetzen, unmöglich zu realisieren.

Erin entschied sich, ihren Verdacht für sich zu behalten. Obwohl sie sich sicher war, dass Anjing erste Anzeichen eines kalten Entzuges zeigte. Sie hoffte inständig, dass sie falschlag.

Zwischenzeitlich hatte Anjing angehalten. Ihre Hände auf die Tischkante gestützt beugte sie sich vor: »Ist damit alles geklärt? Oder habt ihr sonst noch Beschwerden die eure Bequemlichkeit betreffen?!«

Erin bemerkte, wie Jantilas Anspannung stieg. Sie stand kurz davor sich schützend vor Erin zu stellen. Wie sie es immer tat, wenn jemand ihre Frau angriff. Aber jetzt würde das nicht weiter helfen. Erin legte ihr, unter der Tischplatte, beruhigend die Hand auf das Bein. Mit festem Blick zu Anjing, schüttelte sie den Kopf: »Nein, ich wollte dich mit der Frage nicht angreifen.«

Anjings Augen verengten sich zu schlitzen. Erin erkannte, wie sich die kräftigen Finger um die Tischkante verkrampften. Zum Glück sprang Aaron ein, bevor Anjing reagieren konnte: »Ich denke wir sollten es dabei belassen.«

Er zog Anjing sanft vom Tisch weg. Mit einer Handbewegung bedeutete er ihr, sich zurückzuziehen. Mit hochrotem Kopf wandte sich Anjing ab und trat, gefolgt von Aaron, zurück zur Küchenzeile. Die Grenze die sie beide zogen war offensichtlich.

Auf der einen Seite des Raumes, sitzend, ihre Passagiere. Auf der anderen Seite sie beide, als die Stammcrew der Hikaru. Erins Unwohlsein wuchs. Das war keine gute Ausgangslage für die kommenden Stunden.

Zum Glück fand Jantila die passenden Worte, um die Aufmerksamkeit zurück auf das zu lenken, was sie erwartete: »Vor uns liegen anstrengende Stunden. Ich gebe zu, dass ich beim Gedanken daran, die Hosen gestrichen voll habe.«

Was sagte Jantila da? Sie hatte Angst? Das konnte Erin nicht glauben. Es musste sich um ein indirektes Friedensangebot handeln. Ihr Versuch, Anjing zu zeigen, dass sie die Stärkere war zeigte Wirkung. Die Gesichtszüge der Technikerin entspannten sich, auch wenn der Rest ihres Körpers weiterhin wie ein, zum Sprung bereites, Raubtier wirkte.

Auch Aaron, sonst kein Mann vieler Worte, schien zu verstehen: »Die Sorgen können wir euch nehmen. Wir sind vielleicht nur eine Kurierschiff-Crew, trotzdem haben wir ausreichend Erfahrung mit Außenbordeinsätzen um euch da durch zu helfen. Vor allem Anjing geht regelmäßig raus. Viele Wartungsarbeiten sind nicht von innen zu erledigen.«

Erin war erleichtert, dass sich die Situation so schnell entspannte »Direktor Peterson hat uns im Vorfeld auch schon versichert, dass ihr die richtigen für den Einsatz seit.«

»Das freut mich, dass ein Schreibtischtäter unsere Fähigkeiten bestätigt«, Anjings Stimme troff vor Sarkasmus. Aber zumindest schien sie wieder zu einem normalen Gespräch bereit.

Aaron kniff die Augen zusammen, wartete aber nicht ab, ob noch etwas kam: »Trotzdem sollten wir uns nicht alleine auf unsere Erfahrung verlassen sondern uns auch an das Missionshandbuch halten. Das sieht nun einmal vor, dass wir vor dem Außenbordeinsatz noch mal alle Schritte durchbesprechen.«

Erin wusste, was jetzt kommen würde. Zigmal hatten sie den Plan durchgearbeitet. Was Aaron jetzt machte, war sich abzusichern. Wenn etwas schief lief, wollte er die Aufzeichnung im Bordlog haben, dass er sich an die Vorschriften gehalten hatte. Anjings Gesichtsausdruck stellte klar, dass sie dasselbe dachte.

»Jantila, wie sehen die Schritte nach dem Verlassen der Hikaru aus?«, fragte Aaron.

Konzentriert rasselte Jantila die Punkte herunter, die sie schon am ersten Tag auswendig gelernt hatte: »Wir bewegen uns mit Hilfe der Manöverdüsen entlang der Außenhülle der Hikaru. Sobald wir die Kommandokuppel passiert haben, lösen wir die Halteleinen. Ab da übernehmt ihr die Kontrolle. Ihr bringt uns, per Fernsteuerung der Backpacks, bis auf einen Abstand von fünfhundert Metern an die Koukishin heran. Ab dort übernehmen wir. Die Landung auf der Außenhülle verlangt Präzision, da wir nicht sicher sein können, in welchem Zustand sich das Schiff befindet.«

»Gut«, bestätigte Aaron »Erin, wie geht es dann weiter?«

Erin fühlte sich an ihre Schulzeit zurückerinnert. Ein simples Frage und Antwortspiel, dass nicht dazu diente, das Verständnis zu prüfen. Das einzige Ziel war, den Regeln genüge zu tun: »Wir verankern die Magnetstiefel an der Hülle. Dann suchen wir einen Port, der es uns erlaubt die Frachtschleuse, unser bevorzugten Einstiegspunkt, mit Energie zu versorgen. Sobald wir diesen gefunden haben schickt ihr uns drei Drohnen.«

Anjing brauchte keine Aufforderung um ihren Part zu übernehmen. Sie klang genervt und gelangweilt zugleich: »Ich steuere die Drohnen. Zwei bringen den Generator, der euch genug Energie für die Aufgaben liefern wird. Zuerst für die Öffnung der Schleuse, dann – im Schiff – für die Reaktivierung der Computersysteme. Sobald die Schleuse offen ist dringt ihr ins Innere vor. Zeitgleich lasse ich die dritte Drohne die Schleusensicherung anbringen. Die Plaststahlrohre dienen dazu, die Schleusentore offen zu halten, sobald die Energieversorgung wieder abgekoppelt wird.«

»So haben wir einen sicheren Ausgang, selbst wenn wir den Generator an anderer Stelle ans Bordnetz der Koukishin hängen«, beendete Jantila die Aufzählung.

Aaron reichte das noch nicht: »So weit so gut. Aber wir haben auch einen festen Ablauf im Schiff. Ihr geht rein, sucht die Brücke, versorgt die Mainframe mit Energie, zieht die Daten und kommt wieder zurück. Ich erwarte keine Abweichungen, keine Alleingänge oder spontane Ideen. Ist das klar?«

Erin bestätigte, genauso wie Jantila, die noch etwas nachsetzte: »Vorausgesetzt, wir können die persönlichen Logs des Missionsleiters auf der Brücke auslesen. Wenn nicht, suchen wir sein persönliches Terminal um die Codes von der Speicherkarte einzuspielen.«

Erin zuckte zusammen. Diesen Teil hatte sie für sich behalten wollen. Jetzt war es zu spät. Die Katze war aus dem Sack.

»Von was für einer Speicherkarte sprichst du?« fragte Aaron. Schlagartig wirkte er wieder angespannt. Glaubte er, sie hätten ihn hintergangen?

»Ishmael Molinas persönlicher Datenträger«, übernahm Erin die Antwort »der Grund, warum wir hier sind und überhaupt von der Koukishin wissen.«


 

4 – Früher - Drei Wochen vor dem Abflug - Erde

 

Direktor Peterson, der seit bald drei Jahrzehnten die Forschungsabteilung des International Space Center in Gitega leitete, sank in seinen Bürostuhl zurück. Für Sekunden schien er verstummt zu sein, bevor er seine Frage formulierte: »Sie wollen was?«

Erin war darauf vorbereitet. In wenigen Worten fasste sie ihren, zuvor detailliert vorgetragenen Antrag, zusammen: »Ich bitte sie um ein Forschungsschiff, um die Koukishin im Umfeld des Pluto zu suchen.«

Peterson schien sich wieder zu fassen. Er legte die Fingerspitzen beider Hände aneinander. Seine Worte gaben Erin das Gefühl, dass er sie sich schon lange zuvor zurechtgelegt hatte: »Schön zusammengefasst. Erlauben sie mir trotzdem, meine Sicht der Dinge klarzulegen. Die vorgelegte Speicherkarte stammt von einer ihnen unbekannten Person. Die Frage, woher diese Person den Datenträger hat oder warum sie ihnen diesen zugespielt hat, bleibt unbeantwortet.«

Peterson holte tief Luft. Erin fehlte der Mut, ihn zu unterbrechen. Jantila Zurückhaltung, die sich darin zeigte, dass sie ebenfalls ungerührt blieb, entspannte Erin. Ein Konflikt mit dem Forschungsleiter würde sie nicht weiter bringen.

»Alles in allem kann man die Herkunft der Daten bestenfalls fragwürdig nennen,« er schien abzuwarten welche Reaktionen, die beiden zeigen würden. Ihre fortgeführte Stille, schien ihn zu überraschen. Für einen Moment wirkte Peterson abgelenkt bevor er weitersprach: »Die enthaltenen Daten lassen, genauso wie die Markierungen auf der Karte, annehmen, dass diese wirklich dem Besitz ihres Großvaters entstammt. Sie geben selbst zu, dass es unmöglich ist zu verifizieren, ob sie sich jemals an Bord des Forschungskreuzers befunden hat. Geschweige denn, dass sie eine Idee haben, wie diese zur Erde gekommen sein soll.«

Beim letzten Satz wanderte sein strenger Blick zu Jantila, die stumm nickte.

»Soweit, so gut. Aufgrund der wenigen wiederherstellbaren Informationen, deren Echtheit nicht bestätigt ist, nehmen sie an, dass sich diese Karte auf dem verschollene Forschungsschiffes ihres Großvaters befunden hat.«

Petersons Blick wanderte zu Erin, die sich fühlte, als würde er sie damit durchbohren. »Eine glaubhafte Theorie, wie sie den Weg zu ihnen gefunden hat, bleiben sie mir schuldig. Übrig bleibt eine, verzeihen sie meine Aussage, recht auffällige Verkettung von Zufällen.«

Erin sah ihre einzige Chance die Koukishin zu erreichen schwinden. Ohne das ISC gäbe es für sie keine Möglichkeit, an den Rand des Sonnensystems zu kommen. Ein privates Schiff zu chartern, lag weit über ihren finanziellen Möglichkeiten.

»Das fasst es ziemlich treffend zusammen«, antwortete Jantila.

Peterson nahm sich Zeit nochmals die projizierten Daten, die über der linken Seite seines Tisches schwebten, zu prüfen: »Das einzige, was sie der Speicherkarte entreißen konntensind einige Positionsdaten, ein Dutzend Standbilder und ein gutes halbes Terabyte an unlesbaren, oder wie sie es formulieren, unerklärlichen Sensordaten.«

»Was wir mit Sicherheit sagen können ist, dass die Koukishin sich im Umfeld von Charon, Kerberos oder Styx aufhält. Wie sie dorthin gekommen ist, bleibt allerdings bisher ein Rätsel. Die Anziehungskraft der Monde ist zu schwach, um sie einzufangen.«, sagte Erin.

Peterson nickte. Seine Augen fixierten sekundenlang einen Punkt an der Wand hinter den beiden Frauen. Dann rief er ein neues Hologramm auf. Eine Projektion des Sonnensystems schwebte zwischen ihnen über dem Tisch Peterson tippte an eine Stelle am äußeren Rand, fast genau auf der gegenüberliegenden Seite, an der sich Pluto befand: »Pluto selbst ist nicht fähig, die Koukishin von ihrem Kurs abzubringen oder sogar einzufangen. Aber wenn das Schiff hier ins Sonnensystem eingetreten ist, könnte sie in einer flachen Kurve an der Sonnenbahn vorbeigetrieben sein.«

Petersons Finger zog eine leicht gebogenen Linie vom Eintrittspunkt, vorbei an der Sonne bis sie die Umlaufbahn des Jupiter erreichte: »Nehmen wir an, sie hätte Jupiter auf seiner Bahn dann hier passiert. Sein Gravitationsfeld entgegen der Drehrichtung reicht völlig aus, um die Geschwindigkeit drastisch zu reduzieren. Gleichzeitig wär es auch zu einer weiteren Krümmung der Flugbahn gekommen.«

Sein Finger zog die Linie von Jupiter weiter in einer stärkeren Kurve bis sie Pluto erreichte: »Nun wären Pluto und seine Monde stark genug, um die Kouksihin in eine Kreisbahn zu zwingen.«

So aufgeregt hatte Erin ihn noch nie erlebt. Peterson war Astrophysiker. Diese Überlegungen ließen ihn offensichtlich nicht kalt. Die Antwort auf die Frage, die er selbst gestellt hatte, schüttelte er förmlich aus dem Ärmel. Er war spürbar in seinem Element: »Es geht um drei, mitten im Nichts liegende, Monde des am wenigsten erforschten Planeten unseres Sonnensystems. Abseits jeglicher Handelsrouten. Weit weg von irgendwelchen Kolonien oder Forschungseinrichtungen. Wie günstig für den Überbringer der Daten, der sich nicht sorgen muss, dass seine Behauptungen kurzfristig überprüft werden.«

Jantila griff ein, nachdem Erin nicht antwortete: »Wir sind uns bewusst, dass die ganze Sache weit hergeholt klingt. Es stimmt, wir können nicht mit absoluter Sicherheit verifizieren, ob die Speicherkarte jemals auf der Koukishin zum Einsatz gekommen ist. Die enthaltenen Messdaten hingegen, können wir ohne Zweifel keiner Quelle auf der Erde zuordnen.«

»Ein Punkt für sie.«

»Auch wenn die Echtheit der Bilder nicht verifizierbar ist, zeigen sie Aufnahmen, die wir in keinem Archiv finden konnten.«

»Kein Beweis. Bestenfalls ein Indiz. Dafür gestehe ich ihnen nochmals einen halben Punkt zu.«

Peterson genoss die Situation. Die Frauen wussten noch immer nicht, worauf er hinauswollte. Erin schielte zu Jantila, die mit angespannten Muskeln, wie ein zum Sprung bereiter Tiger, in ihrem Stuhl saß. Sie schien sich zurückzuhalten, ließ ihre Frau weiterkämpfen. Jantila nickte zur Antwort auf Petersons letzte Worte: »Nicht zu vergessen, dass wir den Datenträger ohne jegliche Gegenleistung erhielten. Aus welchem Grund sollte irgendjemand die Zeit investieren, die Daten zu fälschen, wenn er nicht einmal versucht sie uns um teures Geld zu verkaufen? Das wäre der aufwendigste und zugleich dümmste Scherz des Jahrhunderts.«

Sekunden verstrichen, in denen niemand sprach. Der Direktor wälzte Jantilas Worte im Kopf: »Vor allem, da die Sonde, die von der Flugkontrolle auf Iapetus ausgeschickt wurde, das Vorhandensein eines künstlichen Körpers im Orbit von Kerberos bestätigen.«

Erins Keuchen offenbarte ihre Überraschung. Sogar die meist stoische Jantila hob fragend die Augenbrauen.

In Petersons Gesicht zeigte sich ein für ihn ungewöhnliches Lächeln: »Dachten sie, ich würde sie zu dieser Besprechung einladen, ohne ihre Behauptungen zu prüfen?«

»Sie haben mit uns gespielt?« fragte Jantila.

»Gespielt? Nein. Ich wollte wissen, wie ernst sie es mit ihrem Vorschlag meinen«, er erlaubte seinem Gesicht das kurze aufflackern eines verspielten Grinsens »Zurück zu den Bildern. Der Vorbeiflug reichte nicht aus, um Detailaufnahmen zu machen. Was wir inzwischen aber sagen können ist, dass das, was wir dort vorfanden, zumindest in den Umrissen dem Forschungskreuzer entspricht.«

Gemächlich wischte Peterson mit der Hand über die eingelassene Sensorfläche. Ein, nur einseitig lesbares, Hologramm flammte vor ihm auf. Ein Fingerzeig winkte es näher an ihn heran. Peterson tippte auf einer für die Frauen unsichtbaren Projektionstastatur. Die aufgerufenen Daten überflog er, bevor er das Hologramm wieder deaktivierte.

»Ihre Vorbereitung lässt wenig zu wünschen übrig. Die Forderung ist mutig, jedoch nicht abwegig«, sprach Peterson mit sanfter Stimme weiter »Das muss ich ihnen lassen. Trotz allem kann ich ihnen kein Forschungsschiff geben. Nicht weil ich es nicht will, sondern weil mir für mindestens acht Monate keines zur Verfügung steht.«

Peterson lächelte. Nicht boshaft oder hämisch, sondern wie ein gutmeinender Großvater, der seiner Enkelin nichts abschlagen konnte: »Ihre Mission ist für die ISC nicht uninteressant. Um die Koukishin ranken sich unzählige Gerüchte. Jahrzehntelang fütterte das ungeklärte Verschwinden Verschwörungstheorien genauso wie seriöse Abhandlungen.«

Peterson legte eine kurze Pause ein: »Einen Teil davon aufzuklären würde uns, neben den möglichen wissenschaftlichen Erkenntnissen, sicherlich positive Schlagzeilen bringen. Etwas, das wir in Budgetzeiten dringend brauchen. Trotzdem kann ich dafür kein Forschungsschiff zurückrufen. Die Arbeit von dutzenden Wissenschaftlern zu unterbrechen wäre unverantwortlich. Vor allem das der Ausgang des Unterfanges völlig unklar ist«.

Erin begann zu zittern. Sie fühlte, wie die Verzweiflung sie zu übermannen drohte. So kurz vor dem Ziel zu scheitern, bedeutete die schlimmste Niederlage überhaupt. Sie kämpfte darum, ihre Tränen zu unterdrücken. Im völligen Gegenpart zu den Gefühlen, die in ihr tobten, wirkte Jantila weiterhin gelassen. Sie starrte Peterson unverwandt an.

Mangels einer weiteren Reaktion fuhr er fort: »Ich gebe ihnen die Hikaru. Ein Intersystem-Kurierschiff mit einer zwei Mann Besatzung. Mit ihr beträgt die Reisezeit von der Erde zum Pluto acht Wochen. Die Hälfte der Zeit, in der es unsere besten Forschungsschiffe schaffen würden.«

Seine Blicke rasten zwischen den Monitoren hin und her. Sowohl die Kamerabilder als auch die Sensordaten passten. Er würde es schaffen.

Mit einem sanften Ruck setzte der Andockstutzen auf der Hülle auf. Die Magnetverbindungen rasteten ein und Akif fühlte, wie die Hanabira zur Ruhe kam. Hastig schaltete Akif die Triebwerke ab.

Aufgeregt wie ein kleines Kind, dass auf den Weihnachtsmann wartete, öffnete er die Sicherheitsgurte des Sitzes. Getrieben von der Euphorie seiner Entdeckung glitt er in der Schwerelosigkeit zum hinteren Teil der Kabine, wo ein kurzer Schacht ihn zur unteren Ebene brachte.

Nur zwei Schleusen, eine davon in der Hanabira, trennten ihn noch von seinem Ziel. Durch den zwei tage zuvor erfolgten Verlust der gesamten Atemluft seiner Barke gewann er Zeit. Er musste nicht auf den Druckausgleich warten. Die Außenschleuse glitt binnen weniger Sekunden zur Seite und machte den Weg frei. Vor Akif lag der fünf Meter lange transparente Folientunnel an dessen unterem Ende der Andockstutzens eine feste Verbindung mit der Kouksihin eingegangen war. Beleuchtet von zwei Scheinwerfer an der Außenhülle der Hanabira sah er die Zugangsschleuse zur Koukishin.

Die Magnetstiefel verankerten ihn sicher über der Schleuse, so dass er sich in Ruhe daran machen konnte, die mechanische Notfallsverriegelung zu öffnen. Das Werkzeug dazu führte er als Bergungspilot mit sich. Sonst hätte er sich mit Gewalt Zutritt verschaffen müssen. Wenn ihm das bei diesem Koloss überhaupt gelungen wäre.

Drei Minuten später hatte er die Verriegelungsbolzen offen. Trotz der Schwerelosigkeit musste Akif alle verfügbare Kraft aufwenden, um die vermutlich Tonnenschwere Luke aufzuhebeln. Keuchend stemmte er sich mit den Beinen gegen die Wand des Andockstutzens um mehr Hebelkraft aufbringen zu können. Im selben Augenblick, in dem seine Anstrengungen endlich von Erfolg gekrönt waren, fühle er eine Erschütterung, die durch Mark und Bein ging. Seine Zähne schlugen schmerzhaft aneinander, da realisiert er, dass der Stoß nicht von der Kouksihin ausging.

Erschrocken blickte Akif nach oben und erkannte den fatalen Fehler, den er begangen hatte. In seinem Überschwang hatte er es unterlassen, die Brennstoff Zufuhr der Hanabira abzuschalten.

»Scheiße!« schrie Akif in die Stille.

Die hochentzündliche Schubmasse wurde weiterhin in das erhitzte Antriebssystem gepumpt. Jedoch ohne dort korrekt verbrannt und ausgestoßen zu werden. Akif wusste was das bedeutete und erkannte im selben Moment, dass er nichts mehr tun konnte. Für die Hanabira, deren Schutzmechanismen schon lange nur mehr eingeschränkt funktionierten, würde das Fatal enden.

Er stieß sich mit aller Kraft ab. Weg von der Hanabira, hinein in den Zugangsschacht des havarierten Schiffes. Dort lag seine einzige Hoffnung die, durch seinen Fehler ausgelöste, Katastrophe zu überleben. Ein Blick zurück zeigte Akif ein gefährliches Glühen. Bevor er völlig darauf fokussieren konnte, platzte die Seite der Hanabira auf und spie einen Strahl aus glühendem Antriebsplasma ins All. Ein Teil der hocherhitzten Antriebsmasse, hatte sich einen anderen Weg gesucht um aus dem überlasteten Antriebssystem auszutreten.

Wie hatte er so nachlässig sein können? Ein Feuerball, ausgehend vom inneren seiner Barke wälzte sich auf die Außenschleuse zu.

Ihm blieben nur Sekundenbruchteile um eine Entscheidung zu treffen. Ohne zu überlegen trat er den einzigen verfügbaren Ausweg an. Akif glitt vom Zugangsschacht in die Schleusenkammer der Koukishin. In der selben Bewegung zerrte er die schwere Luke mit sich. Das fünfzig Zentimeter dicke Metallschott schloss sich quälend langsam.

Akif spürte bereits die Hitze der anrollende Feuerwand, da glitt die Schleuse endlich zu. Eine gewaltige Erschütterung traf die Koukishin. Die Wucht schleuderte ihn nach hinten, bis sein unkontrolliertes trudeln an einer harten Wand ihr Ende fand. Akif fühlte die Stöße, noch bevor die Wand am Rand der Schleuse aufbrach.

Die Hanabira musste explodiert sein und die Kraft der Detonation fraß eine klaffende Wunde in Hülle der Koukishin. Reste des Feuerballes drangen ins innere ein, verpufften aber in dem geräumigen Bereich, den Akif jetzt zum ersten Mal bewusst wahrnahm. Der quadratische Raum musste eine Kantenlänge von gut fünfzehn Meter haben und schien als Lagerraum zu dienen.

Langsam ebbten die Stöße ab. Die Koukishin kam wieder zur Ruhe.

»Wow«, keuchte Akif »Der Kahn ist ganz schön robust. Wer hätte gedacht, dass er das so glimpflich übersteht.«

Akif wusste, dass er damit auch falschliegen konnte. Aber der gerade einmal drei Meter lange und einen halben Meter breite Riss, der sich in der Hülle gebildet hatte, lies ihn darauf schließen, dass die Koukishin für weit schlimmere Belastungen gebaut worden war.

Mit einem Handgriff aktivierte er den Scheinwerfer an der rechten Schulter seines Anzuges. Schnell fand er die nächste Schleuse, die aus dem Raum heraus führte. Auch diese würde er manuell öffnen müssen. Zum Glück hatte er die Geistesgegenwart besessen, seinen ganzes Werkzeugpack aus der Hanabira mitzunehmen.

»Ich werde mir wohl eine Rettungskapsel suchen müssen, um von hier wieder weg zu kommen«, sagte Akif zu sich selbst, bevor er sich auf den Weg machte.

Die Hanabira war verloren. Das änderte nichts daran, dass er die Kouksihin gefunden hatte. Das Bergerecht gehörte ihm. Jetzt musste er nur einen Weg hinaus finden. Alles sah danach aus, dass der achte Oktober 2193, sein Geburtstag, doch noch zu einem guten Tag werden würden.

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