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Feilkode 418

Bye Bye Boy

Bye Bye Boy · Romane

Nachdem Milda an ihrem ersten Jahrestag wortlos verlassen wird, lehrt sie ein skurriler Uhrmacher, was wahre Liebe wirklich bedeutet.

Die Abstimmung ist abgeschlossen.

Was möchtest du mit dem Buch bewirken?

Ich bin Sassi Voss. Mein Pseudonym lehnt sich an den Mythos des Sisyphos von Albert Camus an. Meine Romanideen kreisen sehr um philosophische Inhalte. Mich treibt vor allem die Frage nach unserer Existenz an und warum wir hier sind. Mit meinem Buch möchte ich gerne einen anderen Blick auf die Liebe vermitteln. Denn meiner Ansicht nach bestimmen auch die literarischen Narrative, wie wir die Wirklichkeit wahrnehmen und vielleicht kann man einiges in dieser Welt auch ganz anders sehen. Mein Debütroman "Bye Bye Boy" ist einer großen Liebe gewidmet, die sich an einem Tag wortlos aus meinem Leben geschlichen und sich dennoch nie ganz verabschiedet hat. Weil Liebe immer etwas ist, das bleibt.

Über den/die Autor:in

Sassi Voss

Sassi Voss

Mein Name ist Sassi Voss. Ich schreibe Romane, die sich an der Idee des Dialogromans orientieren, mit der üblichen Sichtweise auf die Liebe brechen und mehr als philosophisches Lehrgespräch verstande...

Bye Bye Boy

 

Nervös lief Milda die schmale Gasse entlang, als sie vor einem kleinen Ladengeschäft stehen blieb. Sie warf einen Blick in das Schaufenster, das mit allerhand Armbanduhren vollgestopft war. Ein künstlicher Unterarm ragte aus dem liebevoll gestalteten Chaos hervor, daneben eine umgekippte leere Pepsi-Dose. Schmunzelnd griff sie zum antiken Türgriff. Während sie eintrat, erklang das typische Geräusch einer Ladenglocke. Nach einer Weile kam ein älterer Herr hinter einem bunten Stück Stoff hervorgetreten und fischte sich ein Metallstück vom rechten Auge.

»Guten Tag!«, begrüßte er sie.

»Hallo!« Milda trat in den Innenraum und lief auf die Glasfront zu, hinter der sich alte Fotoapparate zeigten. Sie stutzte. »Verkaufen Sie auch Kameras?«

»Nein, das ist nur meine Sammelleidenschaft, die ich hier auslebe. In meinem Haus fehlt mir der Platz dafür.« Der Mann lachte ungewöhnlich laut auf.

Milda drehte den Kopf zwischen den Regalen hin und her. Auf einem Haufen Bücher türmte sich ein altmodisches, mit Blumen verziertes Teeservice. Als wäre sie in einer anderen Welt gelandet, erschien ihr die Atmosphäre sonderbar zeitlos und auf unerklärliche Weise vertraut. »Sie sammeln viel, oder?«, fragte sie.

»Ja, ich kann mich schlecht trennen. Deswegen bin ich wohl auch schon so lange mit meiner Frau zusammen.« Das Telefon läutete. Der Mann mit dem weißen Kittel, einem etwas zerknitterten Hut auf dem Kopf und gestutztem, grauen Bart hob ab. »Platinenwerk mit Spindelhemmung und Pendel«, hörte sie ihn erklären und ihn nach einigen Augenblicken das Gespräch abrupt beenden. Er legte das schnurlose Telefon zur Seite und schaute Milda neugierig an, die die vielen Zuckerstangen, welche von der Schrankwand hingen, belustigt begutachtete.

»Das ist wie auf dem Weihnachtsmarkt hier.« Sie drehte sich zu dem Uhrmacher um und betrachtete ihn eingehender. »Und ein wenig sehen Sie auch aus wie der Weihnachtsmann.« Sie grinste und neigte sich zur Seite. Vor dem Schreibtisch stand ein kleiner, runder Tisch, auf dem ein Berg mit Bonbons lag.

»Wollen Sie?« Der alte Mann zeigte auf die Süßigkeiten. »Nehmen Sie«, forderte er sie auf.

Milda griff nach einem goldfarbigen Klumpen. »Die kenne ich noch aus meiner Kindheit.«

»Dann machen Sie bestimmt gleich eine kleine Zeitreise«, antwortete der Uhrmacher.

»Die habe ich schon begonnen, als ich hier rein bin.« Milda wickelte die Folie ab, steckte sich das hellbraune Stück in den Mund, als sich sofort ein bekannter Geschmack auf ihrer Zunge ausbreitete. »Lecker«, sagte Milda. »Die lagen bei meiner Uroma immer in der Stube auf der alten Kommode herum. Seit wann machen Sie das schon hier?«, fragte sie und sah zu Herrn Humer, wie auf dem großen ovalen Messingschild über seinem Kopf zu lesen war.

»Ich mag es Dinge zu verschenken«, erwiderte der Uhrmacher und ergänzte. »Da waren Sie noch nicht mal geboren, als ich hier angefangen habe.«

Milda war mehrere Mal schon an dem Geschäft vorbeigelaufen, erinnerte sie sich. »Bis jetzt habe ich nie einen Uhrmacher gebraucht. Das«, sie zückte ihr Smartphone, »erledigt heute ja alles. Schlimm, wie süchtig das macht.« Sie verdrehte die Augen.

»Wie Bonbons«, entgegnete der alte Mann und fuhr fort. »Wir sollten uns lieber wieder auf unsere Werte besinnen, als uns von diesen Teilen versklaven zu lassen«. Er begann in einer Ecke zu kramen und hielt ein paar Sekunden später eine Karte in der Hand. »Es gibt ein großes und doch ein ganz alltägliches Geheimnis«, las er vor und reichte ihr die Karte.

 Milda las weiter: »Alle Menschen haben daran teil, jeder kennt es, aber die wenigsten denken je darüber nach. Die meisten nehmen es einfach so hin und wundern sich kein bisschen darüber. Dieses Geheimnis ist die Zeit.«

 »Das ist von Michael Ende«, erklärte Herr Humer.

Bislang hatte sich Milda wenig Gedanken darübergemacht, was Zeit wirklich bedeutete, überlegte sie. Das hatte sich erst mit Jimmy geändert.

»Schauen Sie!«, wurde sie plötzlich aus ihren Gedanken gerissen. Der Uhrmacher schob eine Handvoll Uhren, die sorgfältig aneinandergereiht in einer Ablage aufbewahrt waren, in ein Fach unterhalb der Ladentheke. Anschließend blickte er aus dem Schaufenster. »Die Leute hetzen von einem Termin zum nächsten«, sagte er. »Das ist wie mit den Naturgesetzen. Da lässt man geschehen und wartet demütig auf das Ergebnis. Heute will man alles sofort und am besten zum günstigsten Preis.« Der alte Mann hantierte mit einer Pinzette herum. »Und am liebsten selber Gott spielen. Sind Sie gläubig?«

Milda schien überrascht. »Ich weiß nicht«, stotterte sie. »Wie meinen Sie das mit den Naturgesetzen?« Sie überflog die vielen Regale, die mit unzähligen Büchern bestückt waren.

»Die Gesetze der Natur sind durch den menschlichen Unsinn dort draußen nicht außer Kraft zu setzen«, antwortete der Uhrmacher zur Tür schielend und packte die Armbanduhr in eine Schublade. »Was haben Sie denn da?«

Milda gab ihm Jimmys Uhr in die Hand. »Sie ist stehengeblieben«, antwortete sie.

»Gehört die Ihrem Liebsten?«

Milda zögerte einen Moment.

»Wie lange sind Sie schon zusammen?«

»Etwas über ein Jahr«, erwiderte sie zaghaft.

»Die große Liebe?«

Milda stieß einen tiefen Seufzer aus und nickte nachdenklich. »Ja.«

Der Uhrmacher lächelte. »Jeder hat die Beziehung, die er verdient.«

Mildas Bauch krampfte sich unangenehm zusammen.

»Für mich ist die Vorstellung, die wir uns von der Liebe machen eine gut ausgeklügelte Marketingstrategie.« Er fing an zu lachen. »Eine große Illusion.« Herr Humer sah ihr an, dass ihr das Gesagte nicht gefiel. »Es sei denn, man hat so ein Glück wie Sie. Wo haben Sie sich kennengelernt?«, wollte er wissen.

Milda kam vor dem Schreibtisch zum Stehen. »Im Internet«, erwiderte sie sehnsuchtsvoll.

»Das ist ein alter Kapitänstisch.« Herr Humer deutete auf den Stuhl. »Setzen Sie sich!«, bat er sie höflich. »Ich muss mal eben telefonieren.«

Milda nahm an dem massiven, braunen Schreibtisch Platz, auf dem mehrere eingerahmte Zitate, ein altes Holztelefon und eine geöffnete Packung Schokoladentrüffel zusammen ein eigentümliches Bild ergaben.

»Greifen Sie zu!«, ermunterte er sie und hob das schnurlose Telefon auf.

»Wenn die nicht so alt sind wie die Uhren hier überall.« Milda steckte sich das kleine, quadratische Teil in den Mund und gab einen genussvollen Laut von sich, als sie in der Büroablage ein Ansammlung alter Visitenkarten überraschte.

Der Uhrmacher legte wieder auf.

»Das schmeckt wie Poesie«, erwiderte sie und runzelte ihre Stirn. »Sie sind auch Psychotherapeut? Ich habe auch mal kurz Psychologie studiert. Was für ein Zufall.«

»Es gibt keine Zufälle«, entgegnete der Uhrmacher. »Das sind sie nur so lange, bis Sie den Schlüssel entdeckt haben.« Er griff nach einem Schlüsselbund, der auf dem Tresen lag und wedelte grinsend damit umher.

»Den Schlüssel?«, fragte Milda verwundert.

»Zu den Rätseln dieser Welt«, raunte es aus dem Mund des alten Mannes. »Den Leuten gefällt selten das Bild, das sie von sich haben«, fuhr er fort. »Da ticken wir alle nicht richtig.«

»Wissen Sie deshalb so viel über die Liebe?«, fragte Milda.

»Ja, hier.« Der alte Mann tippte auf den Tresen. »An der Ladentheke erfährt man so einiges, wenn die alten Dinger ihren Geist aufgeben. Ich weiß oft mehr von den Frauen, als ihre Ehemänner.« Er lachte, setzte sich kurz darauf die Lupe wieder aufs rechte Auge und hantierte an einer Armbanduhr herum. »Warum haben Sie es beendet?«

Milda sah ihn fragend an.

«Das Studium?«, erwiderte er, ohne sie anzusehen.

»Ich hab’s nicht so mit Zahlen.« Milda lachte. »Bin durch Statistik gerasselt.« Sie wandte ihren Blick zur hinteren Ecke des Ladens. »Was ist das da hinten für ein Raum?«

»Meine Werkstatt und eine Dunkelkammer. Da habe ich meine Fotos früher selbst entwickelt.«

»Sie sind auch Fotograf?«, staunte Milda.

»Nein, ich mag nur Oldtimer. Da verstehe ich wenigstens noch die Zusammenhänge.« Er zeigte auf die Schwarzweißfotografien an der Wand, auf denen lauter alte Fahrzeuge zu sehen waren.

»Sie sind ganz schön vielfältig. Wie meinen Sie das mit der Liebe genau?«

»Und eben auch ganz schön antik«, antwortete er und begann erneut zu lachen. Herr Humer schaute sie interessiert an. »Was wollen Sie wissen?«

Milda wandte ihren Blick zum Tresen. »Das mit der Liebe?«

»Wissen Sie,« der Uhrmacher schob eine Standuhr zur Seite, »unendliche Liebe ist das größte Geheimnis.«

»Aber Sie haben doch eben gesagt die Lieb…«

»Denken Sie darüber nach!«, unterbrach er sie. »Ich muss in die Werkstatt.«

Milda stand auf. »Wann ist sie fertig?«

»Kommen Sie Ende der Woche wieder.«

»Da bin ich verreist.«

»Kommen Sie, wenn Sie wieder hier sind. So schnell verschwinde ich nicht«, antwortete er und nahm sich die Lupe vom Auge. Er packte die Uhr in eine weiße Papiertüte und griff zum Füllfederhalter.

Milda nahm ihren Rucksack vom Boden auf und schaute zum Schreibtisch. »Darf ich?«

»Sie sind gierig.«

Sie schielte zu der kleinen Holzschatulle. »Nein«, wehrte Milda ab und deutete mit dem Kinn auf die Visitenkarten.

»Nehmen Sie!«, forderte Herr Humer sie auf und kritzelte etwas auf die Tüte.

»Nur für den Fall, dass ich mal einen Therapeuten brauche.« Milda nahm eine Karte an sich und starrte auf einen Schriftzug, der sie irritierte. »Suchtberatung machen Sie auch?«

»Ja, wieso, trinken Sie?« Der Uhrmacher grinste.

»Nein, ich habe aufgehört.« Milda stockte. »Also, nicht wie Sie denken«, stammelte sie weiter. »Alkohol hat mir nie besonders gut geschmeckt.«

Es blieb einen Augenblick ungewöhnlich still im Raum, bis sich die Lippen des alten Mannes auseinanderbewegten. »Seien Sie dankbar!«, entgegnete er plötzlich.

Milda sah ihn überrascht an. »Dankbar?«

»Für diese Liebe.« Herr Humer kam hinter dem Tresen hervor, lief zum Eingang und sah ihr in die Augen. »Das ist ein großes Geschenk.«

Ihre Mundwinkel hoben sich. Sie fing an zu strahlen. Der Uhrmacher öffnete die Tür und verabschiedete Milda freundlich, die den Laden mit einem eigenartigen Gefühl im Bauch wieder verließ.

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