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Feilkode 418

Das Blaue Haus

Das Blaue Haus · Romane

Stell dir eine Zeitreise vor: Es sind die 90er, die Hamburgerin Kjella will sich nach einer Trennung eine Auszeit in den USA gönnen.

Die Abstimmung ist abgeschlossen.

Was möchtest du mit dem Buch bewirken?

In dem Roman „ Das Blaue Haus“ verarbeite ich Autobiographisches aus meiner Zeit in den USA zu Beginn der 90er Jahre. Wir alle erleben im Leben Umbrüche, Sackgassen und müssen uns immer wieder neu erfinden. Es geht mir darum aufzuzeigen, wie das funktionieren kann, wie wichtig Freundschaft ist und wie hilfreich eine neue Perspektive sein kann. Zum Beispiel in dem man sich auf eine Reise über den großen Teich begibt und an einen fremden Ort das Leben neu betrachtet.

Über den/die Autor:in

Cordula Gartmann

Cordula Gartmann

Ich bin Texterin und Bloggerin und lebe an der Ostsee.

„Jemand zu Hause?“

Die Fliegengittertür fällt scheppernd zu.

„Ich bin da,“ rufe ich vom Bett aus, auf dem ich seit einer Ewigkeit liege. Der Schweiß rinnt in kleinen Bächen über meine Haut, die Lippen schmecken salzig und ich starre an die Decke, beobachte zwei Fliegen, die monoton ihre Figuren fliegen, immer wieder die gleichen, als folgten sie einem inneren Zwang. Travis taucht im Türrahmen meines Zimmers auf.

„Was machst du?“

„Nichts. Es ist einfach zu heiß. Niemand hat mir gesagt, dass es hier so heiß ist. Und wir haben erst Mai,“ beschwere ich mich matt. Travis lacht. Er bleibt im Türrahmen stehen, eine Grenze, die er nie übertritt. Er trägt ein verschwitztes Ramones-T-Shirt, Jeans und Boots, die er auch bei fast 40 Grad nicht auszieht. „Wo ist Annie?“ „Einkaufen.“

„Das ist gut.“ Travis grinst über das ganze Gesicht. “Könnte ein kühles Bier vertragen.“ „Mmmh.“

Kurz darauf werkelt Travis in der Küche herum und ich stehe auf, um mir im Badezimmer kaltes Wasser ins Gesicht zu schütten und über die Unterarme laufen zu lassen. Ich wohne in einem blauen Haus am Ende der Straße zusammen mit Annie, die Sängerin in einer Grungeband ist und ihrem Freund Travis. Es ist eines dieser typischen amerikanischen Holzhäuser. Das Haus ist blau. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so ein Blau gesehen zu haben, ich finde keinen Namen dafür. Aquamarin, Azurblau, Himmelblau? Wahrscheinlich himmelblau, zumindest bin ich in diesem Haus Himmel und Hölle nähergekommen als irgendwo sonst. Himmelblau also. In meiner Erinnerung sind alle Farben dieses Sommers besonders intensiv und strahlend; eidottergelb, himbeerrot und schokoladenbraun. Das Haus ist ziemlich heruntergekommen, mit staubbedeckten Fenstern und einer abschüssigen Veranda, davor liegen in unregelmäßigen Abständen einige Steinbrocken, die als Treppe dienen, ein großer Ast liegt noch immer halb darüber, ein Überbleibsel des letzten Sturms. Das Haus befindet sich in einer Gegend, die hauptsächlich von Studenten bewohnt wird. Von uns studiert allerdings niemand. Annie ist Musikerin, Travis Drummer und Tellerwäscher und ich jobbe als Kellnerin im Crossing, einer Kneipe nicht weit von unserem Haus entfernt, die etwas erhöht auf einem Hügel liegt mit Bänken vor der Tür. Oft spielen hier Bands aus der Gegend. Wenn ich nicht arbeiten muss, sitzen Annie und ich auf den Motorhauben der parkenden Wagen und hören den Jungs zu, wie sie Bluegrass spielen. Ich kann stundenlang dort sitzen, den Kopf tief in den Nacken gelegt, um vorbeiziehenden Wolken nachzuschauen und in die Sonne zu blinzeln. Es scheint, als würde die Zeit stehen bleiben und es gibt nichts Wichtigeres als das nächste Lied, ein weiteres Bier, ein Lachen. Big Sky Country. Diesen Begriff habe ich irgendwo aufgeschnappt und ich finde, er passt. Später finde ich heraus, dass es der Beiname des Staates Montana ist. Wir aber leben in Lawrence, einer Stadt im Bundesstaat Kansas, im Mittleren Westen der USA. Dem Sunflower-State, wie sich heraus stellt.Was ich auch nicht schlecht finde, denn Sonnenblumen sind meine Lieblingsblumen. Während ich Annie schon länger kenne, lerne ich Travis erst in Lawrence kennen. Ich kenne ihn nur aus Annies Briefen, die sie mir nach Deutschland geschickt hat. Wann immer ich einen der Briefe mit dem AIR MAIL - Flugzeug-Symbol und dem rotweißen-blauen Rand im Briefkasten habe, freue ich mich. Die hauchdünnem Papierseiten hat Annie eng beschriebenen mit einen sehr feinen, geschwungene Schrift. Travis ist laut und poltert herum, mit einer Lache, die man in der ganzen Straße hört und stört sich nicht am Dreck unter seinen Nägeln. Alles was Travis tut, ist mit einem nicht zu überhörenden Geräusch verbunden. Wenn er in seinen klobigen Armyboots durch die Gegend schlurft, gegen herumliegende Coladosen tritt, Staub aufwirbelt. Gelegentlich treibt er uns fast in den Wahnsinn, wenn er mit den Hunden - zwei Labrador-Mischlingen namens Rock'n Roll und Fame - um die Wette bellt : Sie zittern vor Begeisterung am ganzen Körper, winseln und kläffen, springen schwanzwedelnd vor und zurück, während Travis sein Gesicht zu unglaublichen Grimassen verzieht, ihnen abwechselnd flink an den Ohren zieht und ihr tiefes Bellen nachahmt. Meist endet es damit, dass die Hunde ihn umwerfen und sein Gesicht ablecken, während Travis etwas von good girls brummt und ihnen das Fell klopft. Travis und Annie teilen sich ein Zimmer, wobei Travis eine Menge Zeug im backroom lagert, dem Raum zwischen Küche und Hintertür. Dort schläft er manchmal auf einer alten Matratze, mit einem Seesack voller Klamotten und dem Käfig mit Skinny, der Ratte. Warum er nicht immer bei Annie im Zimmer schläft, verstehe ich nicht ganz. Aber das Verhältnis der beiden wirft einige Fragen auf. Ich habe das Zimmer der Vormieterin Glory übernommen, die zum Studium nach Ohio gezogen ist. Es gibt den obligatorischen Wandschrank, ein großes Bett mit verschnörkeltem Kopfteil und eine Kommode mit vier Schubladen und dicken, runden Knöpfen. Die Wände hat Glory in einem hellen Rot gestrichen, was mir anfangs nicht unbedingt gefällt, aber mit der Zeit gewöhne ich mich daran. Das Fenster geht zum Garten hinter dem Haus hinaus, der völlig verwildert ist mit hohem Gras und Unkraut, vertrockneten Blumen und einem verdorrten Baum. Die Katzen aus der Nachbarschaft besuchen den Garten regelmäßig, liegen in der Sonne im hohen Gras und putzen sich ausgiebig. Einmal sehe ich Travis, wie er im Garten an einen Baum pinkelt. Ich reibe mir verschlafen die Augen, aber das Bild bleibt. Als ich ihn darauf anspreche, ist es mir peinlich, ihm nicht. „Ich pinkle gern in der freien Natur,“ sagt er, nimmt einen großen Schluck Cola und zerbeißt krachend einen Eiswürfel mit den Backenzähnen. „Ja, schon, aber muss das unbedingt vor meinem Fenster sein?“ frage ich. Er zuckt die Schultern. „Naja, zur Straße hin geht es nicht, das will Annie nicht.“ „Aha.“ Er kippt einen Schluck Cola nach und schaut mich mit schief gelegtem Kopf an. „Es ist nur….“ Ich weiß nicht, was ich sagen soll und er grinst. „Kannst du bitte woanders an einen Baum pinkeln?“ Er nickt. „Klar.“ Nachdem ich lange in einer Großstadt gelebt habe, genieße ich die Ruhe. Nachts kann man den Sternenhimmel sehen, selten fährt mal ein Auto vorbei. Die Ruhe endet nur, wenn Annie Gitarre spielt, was mir gefällt. Man merkt, dass sie schon seit ihrem sechsten Lebensjahr Gitarre spielt und das Instrument beherrscht. Sie kann fantastisch spielen. Wenn Travis Musik spielt, legt er meistens Punkrock auf, das ist immer ziemlich laut, was mir weniger gefällt. Um ehrlich zu sein, anfangs mag ich Travis nicht sonderlich. Er nennt mich Kit oder Kraut, weil er meinen Namen nicht aussprechen kann. Sogar Annie nennt mich irgendwann Kit und ich nehme diesen neuen Namen an. Wenn ich, was selten vorkommt, mit meiner Familie in Deutschland telefoniere, finde ich es merkwürdig, wenn jemand mich mit meinem richtigen Namen anspricht. Eigentlich hatte ich immer angenommen, ganz gut Englisch sprechen zu können. Es war mein Lieblingsfach in der Schule und in meinem Job hatte ich viel mit internationalen Gästen zu tun. Die Menschen in diesem Bundesstaat aber sprechen einen merkwürdigen Dialekt, sie verschlucken ganze Silben und ziehen den Rest zu einem unverständlichen rarara zusammen. Ganz besonders Travis, der sich nicht darum schert, ob ich ihn verstehe. Aber mit der Zeit gewöhne ich mich an Travis, mit der Zeit lerne ich, ihn zu schätzen. Annie scheint in allem das genaue Gegenteil von Travis zu sein, sie ist dünn, wirkt zerbrechlich und hat wilde rote Korkenzieherlocken. Ihre Augen sind braun mit grünen Sprengseln. Trotz ihrer zierlichen Erscheinung ist ihre Stimme unerwartet tief, warm und kräftig. Alles was Annie macht, macht sie exzessiv. Lacht sie, lacht sie, bis ihr die Tränen kommen, wenn sie trinkt, trinkt sie bis zum Umfallen und ist sie schlecht gelaunt, geht man ihr besser aus dem Weg. Bis auf Travis, an dem alle Gemeinheiten abprallen wie Wasser, kann sie sehr verletzend sein, denn sie findet immer den wunden Punkt und sorgsam gehütete Geheimnisse. Manchmal verschwindet sie auch für ein paar Tage, niemand hat sie gesehen, genauso unvermittelt taucht sie wieder auf, als sei nichts geschehen, mit der obligatorischen Chesterfield im Mundwinkel. Wenn man sie fragt, wo sie war, zuckt sie nur mit den Schultern. Mir scheint, sie hat das Schulterzucken erfunden. Aber Annie kann auch gut zuhören, bringt mich zum Lachen und kommt immer wieder mit überraschenden Ideen. Als ich in Hamburg mit meinem Freund Schluss mache und am Boden zerstört bin, lädt sie mich zu sich nach Kansas ein. „Unsere Mitbewohnerin Glory ist gerade ausgezogen. Wir sind auf der Suche nach einer Nachfolgerin, aber noch ist ihr Zimmer frei. Komm her, hier kannst du abschalten und den Typen vergessen. Wir kümmern uns um dich.“ Ich überlege ein paar Tage. Dann entscheide ich mich, Annies Einladung anzunehmen.

„Kansas?“ fragt mich meine Freundin Jette in Hamburg entgeistert. „Du willst nach Kansas? Was willst du da?“

Wir sitzen in meiner gemütlichen Wohnküche am Küchentisch und trinken französischen Rotwein. „Mir anschauen, wie es da ist. Abstand gewinnen.“

„Aber Kansas? Ich meine New York- ja. Oder Los Angeles oder so.“

Jette nimmt einen tiefen Schluck aus ihrem Glas und macht ein verdrießliches Gesicht.

„Meine Freundin Annie wohnt nun mal in Kansas. In Lawrence. Das ist eine Universitätsstadt, weißt du.“

„Studiert sie?“ fragt Jette interessiert.

„Aktuell nicht,“ sage ich vage. Annie hat ihr Studium unterbrochen oder abgebrochen. Ich weiß es selbst nicht genau. Ich habe meinen Job als Leiterin der Bankett-Abteilung eines Luxushotels in Hamburg gekündigt. Und habe das Gefühl, ich brauche etwas Neues.

„Und die Wohnung? Was machst du mit der Wohnung?“ will Jette wissen.

„Ich vermiete sie unter. An Amelie. Aus der Küche, die kleine, rundliche. Weißt du?“

Jette hat mit mir zusammen gearbeitet und nickt.

„Ja, die ist nett. Und wird hoffentlich nicht die Bude verwahrlosen lassen.“

„Nein, da mache ich mir keine Sorgen.“

Ich schenke uns Wein nach. Jette knappert an ein paar Salzstangen.

„Wie lange willst du denn da bleiben?“ „Zwei, drei Monate dachte ich.“

„Hm. Alles wegen dem Arschloch,“ grummelt Jette. Sie meint meinen Ex-Freund Andrew. „Nicht nur. Ich hab mein Abitur gemacht, hab direkt danach die dreijährige Ausbildung gemacht. War ein Jahr in der Schweiz und habe dort gearbeitet. Dann ins Renaissance Hotel, später ins Crowne Plaza. 60 Stunden die Woche, nur einen Tag frei. Manchmal auch nur fünf, sechs Stunden zwischen den Schichten. Das hat mich geschlaucht. Ich hatte ja kaum noch Zeit für Freunde. Oder um mal auszuspannen.“

„Und dann kam Andrew.“

„Dann kam Andrew. Am Anfang war das aufregend. Bis ich gemerkt hab, dass er mich die ganze Zeit betrogen und belogen hat. Ich brauche echt mal eine Auszeit, glaub ich. Einfach mal nichts tun.“

„Okay,“ sagt Jette seufzend und setzt streng hinzu „aber komm bloß zurück.“ 7

„Klar!“ antworte ich im Brustton der Überzeugung.

Zwei Tage später kommt Amelie zur Schlüsselübergabe vorbei. Ich zeige ihr, wie der Gasboiler funktioniert und wie man das Schlafsofa ausklappt, falls sie mal Besuch hat und wann sie mit der Treppenhausreinigung dran ist.

„Das ist nicht in der Miete enthalten?“ fragt Amelie erstaunt.

„Leider nicht. Und Frau Maier vom Erdgeschoss wird peinlich genau darauf achten, dass einmal die Woche gewischt wird.“

„Sie ist die Hausmeisterin?“ fragt Amelie.

„Ja, genau.“

„Ach, der bring ich eine Mousse au Chocolat vorbei, dann klappt das schon mit uns.“

Ich muss grinsen. Amelie ist eine patente, durchsetzungsstarke Frau. In der Küche des Hotels ist Amelie als Patissiere für die Herstellung von Süßspeisen, Desserts, saftigen Kuchen, mehrstöckigen Torten, Gebäck und sahniger Eiscreme zuständig. Köstliche, französische Desserts sind ihre Spezialität. Alle anderen Kollegen sind wie in den meisten Restaurantküchen Männer, es herrschen ein rauer Ton und hohe Temperaturen am Herd, es gibt wenig Platz und viel Stress. Als Frau in so einer Männerdomäne muss man hart im Nehmen sein und wenn man mit einem cholerischen Küchenchef fertig wird, ist eine pedantische Hausmeisterin kein Problem. Am nächsten Morgen verabschiede ich mich von meiner Familie bei einem Sonntagsfrühstück. Meine Mutter will wissen, wo dieses Kansas überhaupt liegt, scheint mir, als ich es ihr erkläre, aber nicht richtig zuzuhören. Sie ist damit beschäftigt, Kaffee zu kochen und nötigt alle immer wieder, noch etwas zu essen.

„Ich habe extra Lachs gekauft und jetzt isst ihn keiner,“ beschwert sie sich gerade und ist schon wieder auf dem Sprung in die Küche, um noch Brötchen aus dem Ofen zu holen.

„Ich nehm gern ein bisschen Lachs,“ sage ich, obwohl ich eigentlich schon satt bin. Mein Bruder Sören, der mit seiner Frau und seinen beiden Kindern gekommen ist, grinst mir über den Rand der Kaffeetasse zu. Ich verdrehe die Augen. Meine Mutter kann manchmal anstrengend sein. Wenn die Familie oder Freunde und Bekannte zum Essen kommen, muss sich förmlich der Tisch vor leckeren Gerichten biegen und alle werden ständig aufgefordert, zuzugreifen und doch endlich etwas zu essen. Wir unterhalten uns über die USA. Ich war schon einmal dort und habe mir vor allem New York und die Ostküste angesehen. Den Mittleren Westen kenne ich noch nicht.

„In Europa ist es auch schön. Stockholm zum Beispiel,“ meint meine Mutter, „eine wunderschöne Stadt.“

„Ja, aber New York ist auch wirklich toll,“ entgegnet mein Bruder, der seine Hochzeitsreise mit seiner Frau dort verbrachte. Meine Mutter geht nicht darauf ein.

„Aber Kansas. Was gibt es denn da?“ will sie stirnrunzelnd wissen.

„Büffel!“ platzt mein Bruder heraus und meine Mutter starrt ihn entgeistert an.

„Büffel?!“ „Ja, ich hab mich mal schlau gemacht. Ich muss doch wissen, wohin es mein Schwesterchen verschlägt. Büffel sind das Wappentier von Kansas.“

„Dann pass bloß auf!“ warnt mich meine Mutter und sucht die Butter.

„Die laufen da ja nicht einfach so herum, Mama. Die sind da in Naturreservaten und so. Ich werde euch berichten, wenn ich da bin.“

Ich reiche meiner Mutter die Butter.

„Ja, schreib uns, wir sind schon gespannt,“ schaltet sich meine Schwägerin Melanie ein.

„Will keiner von den Muffins? Ich hab extra welche gebacken, weil du in die USA fliegst und jetzt isst sie keiner!“

„Klar wollen wir Muffins, die sehen sehr lecker aus.“

Mein Bruder greift nach dem Teller mit den Muffins.

„Mit Blaubeeren,“ sagt meine Mutter und wirft mir einen Blick von der Seite zu.

„Die muss ich unbedingt probieren,“ sage ich ergeben und nehme mir auch einen. Meinen beiden Nichten lege ich auch einen Muffin auf ihre Teller und Melanie nimmt sich auch noch einen. Meine Mutter lächelt zufrieden. Zum Abschied bekomme ich von meinem Bruder und seiner Frau Melanie eine innige Umarmung, ebenso von den Töchtern Sara und Anna, die mich daran erinnern, dass ich ihnen von meiner Reise unbedingt etwas mitbringen muss. Nur meine Mutter steht im Flur, die Arme vor der Brust verschränkt, unsicher lächelnd. Ich mache einen Schritt auf sie zu, überlege es mir dann aber anders und sage nur: „Tschüss. Bis in drei Monaten.“

„Tschüss, Kjella.“

Draußen ruft sie noch hinter mir her, dass ich auf mich aufpassen soll. Am Abend fahre ich noch zu meiner besten Freundin Karen an die Ostsee und verabschiede mich auch von ihr und ihrer Familie. Wie üblich tischt Karen eine Unmenge von Essen auf, die Kinder streiten sich darum, wer beim Essen neben mir sitzen darf und nach dem Essen lese ich ihnen drei Gute-Nacht-Geschichten vor, bis Karen unmissverständlich klar macht, dass jetzt geschlafen wird. Für mich wird es auch Zeit, langsam aufzubrechen. Zuhause kontrolliere ich noch einmal meine Taschen, aber es ist alles gepackt. Am Montag Morgen fliege ich voller Vorfreude nach New York City. Ich bin schon lange nicht mehr geflogen und die engen Sitze und meine unentwegt plappernden Sitznachbarn gehen mir aber bald auf die Nerven. Zu allem Überfluss will mein Sitznachbar wissen, ob ich mein Dessert noch essen will oder er es haben kann und greift schon danach. Ich verneine und löffle lustlos meinen Nachtisch, eine undefinierbare Creme, vermutlich Vanillepudding. Nachdem ich die Desserts von Amelie gewöhnt bin, schmeckt alles andere fad. Aber das Essen in Flugzeugen ist ohnehin nicht nach meinem Geschmack. Trotzdem möchte ich meinem nervigen Sitznachbarn nicht meine Vermutlich-Vanille-Creme überlassen. Aber ich freue mich auf Annie. Als wir endlich landen, kann ich es kaum erwarten, aus der Maschine zu kommen. Der hünenhafte Zollbeamte, dem ich meinen Pass vorlege, ist sehr nett und fragt mich freundlich, was ich denn in den USA will.

„Freunde besuchen, Urlaub machen,“ sage ich und wir unterhalten uns kurz, bis sein Ton sich plötzlich ändert. Woher in denn so gut Englisch könne und ob ich nicht vielleicht in den USA bleiben wolle? Wo denn mein Rückflugticket sei? Meine Erklärung, dass ich noch nicht genau wüsste, wann ich zurück fliege, ich aber auf jeden Fall nach Deutschland zurück wolle, scheint ihn nicht wirklich zu überzeugen, er schnaubt verächtlich und schmeißt mir den Pass fast vor die Füße. Von New York geht es weiter nach Kansas City, was noch einmal fünf Flugstunden sind. Annie erwartet mich am Kansas City Airport und winkt mir schon von weitem zu, als sie mich entdeckt. Sie trägt Shorts und ein zerschlissenes T-Shirt mit dem Namen einer Band, die ich nicht kenne, eine coole Sonnenbrille und bunte Armbänder. Die roten Haare hat sich zu einem lockeren Knoten hochgesteckt. Aber als wir uns in die Arme schließen, fühlt es sich an, als hätten wir uns eine Woche zuvor zum letzten Mal gesehen. Der lange Flug und der Stress mit dem Zollbeamte sind sofort vergessen. Ich erzähle ich von meinem Flug und den nervigen Sitznachbarn und sie kommentiert in der ihr üblichen ironischen Art. Ich bin in einer anderen Zeitzone. Es passiert nicht viel an diesen Tagen, es ist einfach zu heiß. Ich höre Musik, lerne ganze Passagen aus meinem Lieblingsbuch “Der Fänger im Roggen" auswendig, manchmal sehe ich mir mit Travis einen Film an. Wenn uns ein Film gefällt, spulen wir das Band zurück, solange, bis wir einzelne Dialoge mitsprechen können. Travis Lieblingsfilm ist “Pulp Fiction" und besonders gern mag er die Szene, in der ein Gangster dem andern versehentlich den Kopf wegpustet; sie fahren über eine unebene Straße, ein Schuss löst sich in der Pistole, das ganze Wageninnere, die Scheiben, Armaturen, alles ist voller Blut und Gehirnmasse. Und Travis lehnt sich zurück und schnalzt genüsslich mit der Zunge. Gegenüber von unserem Haus gibt es einen Kwick-Shop, der rund um die Uhr geöffnet hat. Wenn wir etwas Kaltes trinken wollen, gehen wir nicht zum Kühlschrank, sondern rüber in den Shop. Ich trinke Unmengen Cola light aus einem dieser buntbedruckten Becher, die ihre Farbe verändern, wenn man etwas Kaltes hineinfüllt. Diese Becher kann man immer wieder benutzen, wenn man in den Laden geht, man füllt den Becher einfach auf, nuschelt „Refill“ an der Kasse und bekommt einen Rabatt. Wir warten auf den Abend, wenn wir auf der Veranda eiskaltes Bier aus Dosen trinken und Annie göttliches Popcorn zaubert. Die beiden Hunde von Annie und Travis liegen einträchtig nebeneinander, die rosa Zungen hängen ihnen seitlich aus den Mäulern und manchmal gähnen sie herzerweichend. An diesen Abenden tummeln sich oft einige Leute auf der Veranda, rauchen Gras, trinken Bier und spielen Musik. Ich lerne ein Menge Freundinnen und Freunde von Annie und Travis kennen. Der dürre Alec kommt gelegentlich vorbei, er scheint sich ausschließlich von Popcorn zu ernähren. Molly, eine ehemalige Kommilitonin, ist fast jeden Abend da, auch wenn sie meistens nur mit den Hunden kuschelt. Vielleicht ist sie auch nur zu bekifft, um sich zu unterhalten, denn sie gesellt sich die meiste Zeit zu Travis, der an einer überdimensional großen Wasserpfeife bastelt. Wenn ihn niemand stoppt, spielt er die ganze Nacht Ramones, so laut, dass man das Gefühl hat, jemand schlägt einem mit der Faust in die Magengrube, wenn man die Veranda betritt. Gelegentlich legt Annie andere Musik auf, die ihrer Meinung nach besser zum Kiffen passt. Steve und der langhaarige Jessie aus Annies Band kommen uns oft besuchen und Renny- ihm gehört das Crossing, in dem ich ab und zu kellnere. Er ist eine Weile hinter mir her und es kostet mich viel Anstrengung, seine Annäherungsversuche so lange zu ignorieren, bis er aufgibt. Renny ist groß und sportlich, hat einen tollen Humor und eine ansteckendes Lachen. Aber ich will so schnell keine neue Beziehung eingehen. Ich bin noch zu verletzt.

„Ich erhole mich noch von meinem letzten Freund,“ erkläre ich lakonisch, wenn jemand nachfragt. Während ich in Deutschland praktisch unentwegt gearbeitet habe, nachts im Bett Dienstpläne schrieb und viel Verantwortung trug, lebe ich hier das andere Extrem: Ich jobbe ab und zu, damit ein bisschen Geld reinkommt. Aber ich brauche nicht viel und hab auch noch Erspartes. Da ich in Deutschland so viel gearbeitet habe, hatte ich kaum Zeit, Geld auszugeben. Ansonsten entspanne ich mich, habe keinerlei Verantwortung, außer für mich selbst. Ich lebe in den Tag hinein. Keine Dienstpläne, keine 14-Stunden-Schichten, keine Pflichten. Um mich herum Menschen in Jeans und T-Shirt anstatt in Kostüm und Anzug. Ein Holzhaus anstelle eines Luxus-Hotels oder meiner Wohnung im vornehmen Hamburger Stadtteil Uhlenhorst. Eine Parallel-Welt. Auf der Veranda des Blauen Hauses rauche zum ersten Mal Gras und Travis ist überrascht, dass ich es bisher noch nie ausprobiert habe.

„Gibt es das nicht in Deutschland?“

„Doch natürlich. Ich hab es nur noch nicht ausprobiert.“

„Wenn das Zeug irgendwann legal ist, werde ich ein Heiden-Geld verdienen,“ prophezeit Travis mit einem satten Grinsen. Er hat irgendwo am Rande der Stadt mit einem Freund zusammen Gras anbaut. Er verrät uns nicht wo genau und macht ein riesen Geheimnis darum. „Wir können die Kapazitäten jederzeit erhöhen. Und dann sahnen wir richtig ab.“

„Aber nicht in Kansas. Hier wird das nie legal werden. Selbst wenn es in allen anderen Staaten legal ist,“ unkt Annie und nimmt einen tiefen Zug von unserem Joint. „Wahrscheinlich wirst du eher festgenommen,“ mutmaße ich und übernehme den Joint von Annie. Travis schüttelt den Kopf. „Glaub ich nicht. Ihr werdet schon sehen.“ Travis klopft sorgsam die Asche ab. Wir rauchen schweigend. Als ich zum ersten Mal Gras rauche, entspannt sich mein Körper so vollständig, dass ich das Gefühl habe, alles fällt von mir ab und ich verbringe einige Zeit in einem glückseligen Zustand auf der alten, abgewetzten Couch auf der Veranda. Alles, was mich umtreibt und mich nachts manchmal nicht schlafen lässt, ist weit weg. Alles um mich herum ist weich und sanft. Ich habe das angenehme Gefühl zu fallen. So als würde ich an einem warmen Sommertag ins Meer eintauchen. Die Musik nehme ich auch anders wahr, viel intensiver. Als ich später darüber nachdenke, wird mir klar, dass ich die meiste Zeit in meinem Leben angespannt bin. Immer alles kontrollierend, Perfektion anstrebend. Nur nie nachlassen, immer auf der Hut sein. Aufpassen, dass nichts meine Pläne durchkreuzt, alles optimal funktioniert. Vielleicht war ich deshalb so lange mit Andrew zusammen, den ich bei der Arbeit im Hotel kennen lerne. Er ist attraktiv, charmant, eloquent, der geborene Macher und ich habe das Gefühl, ich kann ihm blind vertrauen. Ich muss nichts kontrollieren, nichts anstreben, sondern einfach nur sein. Er gibt mir das Gefühl, die tollste Frau der Welt zu sein, wenn wir zusammen sind. Es tut gut, die Zügel einmal locker zu lassen. Aber irgendwann bekomme ich mit, dass ich nicht die einzige bin, der er das Gefühl gibt, die tollste Frau der Welt zu sein. Genau genommen vögelt er alles, was bei drei nicht auf dem Baum ist. Man sagt ihm sogar eine Affäre mit Tim, dem Leiter der Reservierung nach. Im Nachhinein frage ich mich, wie ich so blind sein konnte. Alle wissen es. Alle außer mir. Und er macht selbst dann noch weiter, als ich es herausfinde.

„Wir haben doch eine tolle Zeit, wenn wir zusammen sind, oder? Du bist die Nummer eins für mich. Was stört es dich, wenn ich mich ab und zu auch mit anderen amüsiere? Aber wenn du unbedingt willst, dann lasse ich das. Okay?“ Er schaut mich aus großen blauen Augen an und ich glaube ihm zunächst. Oder will ihm glauben. Ein Hotel ist wie ein kleines Dorf, alle kennen sich, alle bekommen alles mit. Es wird viel getratscht. Eine Weile tue ich so, als wenn ich es nicht mitbekomme, wenn hinter vorgehaltener Hand über Andrew und irgendeine Frau gesprochen wird. Andrew sorgt dafür, dass ich die Chance bekomme, mich als Abteilungsleiterin zu beweisen. Ich bin die Jüngste im ganzen Team. Gerade mal 25. Und leite Großveranstaltungen mit bis zu 800 Personen. Der Küchenchef will eine junge Frau in der Position nicht akzeptieren und versucht immer wieder, meine Autorität zu untergraben. Obwohl in den Familien weltweit fast immer die Frauen kochen und die Familie mit Essen versorgen, sind es in der Gastronomie in der Regel Männer, die kochen und eine leitende Funktion inne haben. Köchinnen gibt es nicht viele und wenn, dann kümmern sie sich um die kalte Küche oder das Frühstück. Was sie in den Augen der Männer degradiert. Die „richtigen“ Köche arbeiten im Spätdienst für die Gäste, die abends ein Menu zu sich nehmen wollen oder eine Großveranstaltung besuchen. Es ist schwierig für mich, mit einem Küchenchef zusammen zu arbeiten, der glaubt, auch auf der anderen Seite – im Service-Bereich- sollte ein Mann das Sagen haben. „Patriarchale Kack-Scheiße,“ nennt meine Freundin Jette das. Als ich meinen Mitarbeiter Toni bei einem Gala-Dinner in die Küche schicke, um den nächsten Gang abzurufen, kommt dieser kurz darauf mit hängenden Ohren zurück. „Also der Küchenchef meint, jetzt noch nicht.“

„Was heißt das-jetzt noch nicht? Die Gäste haben die Suppe gegessen, jetzt sollte der Hauptgang kommen. Sind sie in der Küche noch nicht so weit?“ Toni druckst herum.

„Naja, schon. Aber er meint, er sagt, wann der nächste Gang kann.“

„Ist der noch bei Trost? Seit wann das denn? Ich sage ihm wann, denn ich sehe ja, wie weit die Gäste sind.“ Das sage ich auch dem Küchenchef kurz darauf in der Küche. Er liest aufmerksam die neuen Bons, die aus dem Restaurant kommen und von den Kellnern auf den Pass gelegt werden und ignoriert mich einfach.

„Haben Sie verstanden, was ich gesagt habe?“ frage ich etwas lauter, um die Geräuschkulisse übertönen. Das Klopfen mit dem Fleischhammer, das Knallen der Ofentüren, das Zischen und Brutzeln in den Pfannen und Töpfen. Er schaut mich an und brüllt dann, während er mir direkt ins Gesicht sieht, ungerührt über die Schulter: „Dessert an Tisch 12 kann!“

„Dessert kommt!“ ruft Amelie zurück und kommt mit hochrotem Gesicht und drei Tellern mit Mouse au Chocolat aus dem Patisserie-Bereich. Sie stellt die Teller neben den Pass und der Küchenchef wirft einen kurzen Blick darauf. Ich sehe die hin und her wuselnden Köchen in ihren weißen Jacken mit den Kugelknöpfen und den karierten Hosen, sie alle beobachten die Szene aus dem Augenwinkel und denken sich ihren Teil. Ich drehe mich schulterzuckend um und gehe zurück in den Bankettbereich. Die Gäste in meinem Bereich sind unruhig und fragen nach dem Hauptgang. Ich koche vor Wut. Trotzdem versichere ich dem Veranstalter, einem Banker mit schütterem Haar und Brille, freundlich, es gehe gleich weiter. Es passieren noch öfter solche Zuschaustellungen von Macht auf Seiten des Küchenchefs. Es gibt Beschwerden, weil die Gäste zu lange warten musste. Dann spricht Andrew mit dem Küchenchef. Er ist zu der Zeit Food- und Beverage Manager und somit ein Vorgesetzter des Küchenchefs, was dieser wahrscheinlich niemals zugeben würde. Andrew stellt es geschickt an. Er spricht mit ihm bei einem Bier nach Feierabend. Danach läuft es im Job und mit dem Küchenchef besser. Nur privat setzt mir Andrews Untreue immer mehr zu. Eines Tages bittet er mich, nach Feierabend noch in die Honeymoon-Suite zu kommen. Sie ist an diesem Wochenende nicht belegt. Wir machen das öfter. Trinken Champagner, amüsieren uns. Aber diesmal ist es anders. Als ich voller Vorfreude die Tür hinter mir schließe, in Erwartung einer tollen Nacht mit Sex und Champagner, sitzt er auf dem Sofa. Ernst dreinblickend. Kein Champagner, keine Musik. Keine kleinen Häppchen als „Gruß aus der Küche.“ „Was ist los?“

Er räuspert sich. „Ich muss mir dir reden. Es ist etwas Ernstes.“ Ich setze mich zu ihm aufs Sofa. Er schweigt. Und erzählt mir dann, dass er HIV positiv ist. Ich habe das Gefühl, als würde jemand einen Kübel eiskalten Wassers über mir ausgießen und bin wie erstarrt. „Du weißt ja, ich kann nicht treu sein. Aber ich kann nicht anders. Ich brauche das. Und ich hatte ungeschützten Sex mit jemanden, der wohl positiv war. Es tut mir leid. Und jetzt hab ich die Quittung dafür bekommen. Du solltest dich testen lassen.“

„Und das sagst du mir in der verdammten Honeymoon-Suite?“ ist alles, was ich rausbringe. Er schaut mich irritiert an.

„Ich wollte in Ruhe mit dir sprechen und sie war halt frei.“ Er seufzt. „Es tut mir wirklich leid, Kjella. Ich hab dich sehr gern. Auch wenn ich nicht treu bin. Ich wollte dich nie in Gefahr bringen. Ich hab im Eifer des Gefechts einfach nicht nachgedacht.“

Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Seine verdammte Untreue und seine Lügen. Und dann hat er mich vielleicht auch noch angesteckt? Weil er es „braucht“, mit Anderen herum zu vögeln? Jetzt kommen mir langsam die Tränen, aber ich will vor ihm nicht weinen. Ich schlucke. „Ich kann das nicht verstehen. Und ich will das auch nicht mehr. Mit dir zusammen sein, meine ich.“

Er nickt langsam.

„Aber du bist nicht krank. Ich meine, es gibt noch keine Anzeichen?“ frage ich nach.

Es ist schon merkwürdig, dass ich mir, obwohl ich so verletzt und wütend bin, Sorgen um ihn mache. „Nein. Ich weiß natürlich nicht, wie lange das so sein wird. Ich bekomme Tabletten, um einen Ausbruch der Krankheit zu vermeiden. Oder besser gesagt, heraus zu zögern.“

Ich sitze noch immer da wie betäubt.

„Kjella?“

Er streicht mir sanft über den Arm.

„ Du hast das wirklich nicht verdient. Ich kann mich nur entschuldigen.“

Ich erhebe mich, streiche die Kostümjacke glatt und bleibe noch einen Moment stehen. Aber es fällt mir nichts ein, was ich noch sagen könnte. Ich verlasse die Suite und melde mich bei einem Kollegen für den nächsten Tag krank. Zum ersten Mal in zwei Jahren. Ich lasse mich testen. Der Test ist negativ. Ich atme auf. Aber ich kann nicht mehr mit Andrew zusammen sein. Zwar haben wir getrennte Wohnungen, aber im Hotel ist es unausweichlich, dass wir uns sehen. Wir haben außerdem selten einen 8-StundenTag. Arbeiten an den Wochenenden. Nachts. Machen viele Überstunden. Das ist normal in der Branche. Als ich abends in meinem Bett liege, beschließe ich, im Hotel zu kündigen. Ich werde noch eine Großveranstaltung organisieren, dann bin ich weg. Ich habe so viele Überstunden und Urlaubstage, dass ich praktisch gleich gehen könnte. Auch wenn der Personalchef versucht, mich dazu zu überreden, wenigstens so lange zu warten, bis Ersatz da ist. Ich informiere mein Team und am Ende eines langen Tages sitze ich, nachdem die Bar geschlossen hat, bei meinem Kollegen Yannis, der die Bar leitet und gerade dabei ist, aufzuräumen, die letzten Gläser zu spülen und die Abrechnung zu machen.

„Yannis, hast du noch was zu trinken für mich? Ein letztes Mal?“

Ich klettere auf einen der Barhocker. Er nickt.

„Für dich immer. Hab schon gehört, dass du gehst. Was möchtest du gern?“

Ich genehmige mir einen doppelten Whiskey. „Hast du schon einen neuen Job?“ I

Ich schüttele den Kopf.

„Nein, ich such mir später etwas. Ich will erstmal ausspannen.“

Yannis nickt, gießt sich ebenfalls einen Whisky ein und wir prosten uns zu. Der Whiskey brennt in meiner Kehle.

„Und du? Was sind so deine Pläne?“

Er zuckt die Schultern.

„Ich werde wohl zurück nach Griechenland gehen.“ Er poliert ein Champagnerglas und stellt es ins Regal. „Noch nicht in nächster Zeit. Aber meine Eltern werden langsam alt und ich will nicht so weit weg sein. Jobmäßig sieht es momentan in Griechenland nicht so gut aus, ich muss schauen, was ich finde. Aber dann will ich zurück nach Athen.“

„Auch nicht schlecht.“

Er grinst. „Wenigstens ist das Wetter besser.“

Ich muss lachen. Das Wetter in Hamburg kann schon ziemlich unbeständig sein. Was wir natürlich gegenüber Menschen, die nicht hier leben, nie zugeben würden.

„Außerdem,“ hat Jette es einmal formuliert, „lebt man besser bei Regen in Hamburg als bei Sonne in irgendeiner anderen Stadt.“

Ich leere mein Glas, wir verabschieden uns und ich gehe in die Umkleiden. Ich leere meinen Spint, tausche das dunkelblaue Kostüm gegen Jeans und Sweatshirt, die hochhackigen schwarzen Schuhe gegen Turnschuhe. Packe alles in eine große Tasche. Ich durchquere ein letztes Mal den Vorraum zur Lobby, über der Tür hängt ein Schild mit der Aufschrift „Bühne.“ Johann hat Dienst, er ist Night Auditor und arbeitet immer von 22 Uhr bis 6 Uhr. Ein sehr entspannter Holländer, der nie die Ruhe verliert, selbst wenn eine ganze chinesische Reisegruppe vor ihm steht und einchecken will und es Probleme mit der Zuordnung der Namen gibt, denn die Transkription der Chinesischen Schriftzeichen in das Deutsche Alphabet klappt nur suboptimal. Oder wenn ein Promi sich daneben benimmt und mit Nachdruck aber auch Fingerspitzengefühl auf seine Suite gebracht werden muss.

„Ist heute dein letzter Tag?“ Johann lächelt freundlich.

„Ja.“

Ich lege meine Schlüssel und mein Namensschild auf den Empfangstresen und er nimmt beides an sich, um es in einer Schublade zu verstauen.

„Ich gebe das morgen früh an das Personalbüro weiter. Alles Gute für dich.“

„Danke. Für dich auch. Mach’s gut.“

Ich schultere die Tasche und gehe ausnahmsweise durch die Lobby und den offiziellen Ein- und Ausgang für die Gäste, nicht durch den Personalausgang. Die Türen schließen sich mit einem leisen Klicken hinter mir. Es regnet stark. „Leichtes Nieselwetter,“ wie wir in Hamburg sagen. Ich laufe schnell hinüber zu meinem Auto auf der anderen Straßenseite, werfe die Tasche auf die Rückbank und starte den Motor. „Na dann,“ sage ich zu mir selbst und fahre nach Hause.

Fishtree

Das Haus neben dem unseren hat lange leer gestanden, irgendwann aber stellen wir fest, dass jemand eingezogen sein muss. Am Abend kann man Licht hinter den Fenstern sehen und ein großer schwarzer Wagen - ein Mercedes aus den 60ern - wie Travis beeindruckt feststellt- steht in der Einfahrt. Das reicht aus, um seine Neugier zu wecken und so schleicht er ein paar Mal um das Haus herum, kann aber weder Genaues erkennen noch den neuen Mieter ausmachen. Als wir eines Abends nach Hause kommen, steht ein junger Mann, gänzlich in schwarz gekleidet, auf der Veranda und schaut gedankenverloren in die Abendsonne.

"Hey!" Travis winkt ihm zu, der Mann fährt sichtlich erschrocken zusammen, aber da ist Travis schon über Unkraut und Überreste einer wildwuchernden Hecke, die unsere Grundstücke trennen, geklettert. Annie und ich gehen außen herum.

"Ihr werdet es nicht glauben," ruft Travis uns lachend entgegen, als wir hintereinander die Treppe hinaufsteigen, "er heißt Fishtree." "Tatsächlich?"

"Ja, tatsächlich."

Fishtree ist blass und mager, die schwarzen Hosen schlottern um seine Knie und in dem Rollkragenpullover, der für die Jahreszeit viel zu warm ist, versinkt er fast. Aus irgendeinem Grund beschließen wir sofort, ihn zu adoptieren und in den nächsten Wochen verbringen wir viel Zeit miteinander. Fishtree ist einigermaßen überrascht, denn für gewöhnlich schließt er nicht so schnell Freundschaften, aber er wirkt so merkwürdig auf uns, dass wir ganz erpicht darauf sind, mehr zu erfahren. Und er wiederum scheint fasziniert von uns zu sein. Die meiste Zeit des Tages verbringt Fishtree in einer eigens eingerichteten Dunkelkammer im hinteren Teil des Hauses. Dort entwickelt er die Filme, die er mit einer uralten Kamera, einer Olympus, aufnimmt, bei der schon das Einlegen des Filmes eine Sisyphusarbeit ist. Wann immer wir ihn besuchen, hält er sich in dieser Dunkelkammer auf, niemals sieht man ihn beim Essen, beim Fernsehen oder Lesen. Er ist einfach immer in der Dunkelkammer. “Fishtree!“ ruft Travis jedes Mal, wenn wir eintreten, "was machst Du? Schweinereien in der Dunkelkammer?" Worauf Fishtrees nasale Stimme gedämpft aus dem Hinterzimmer dringt :"Nicht aufmachen." Das tun wir natürlich nicht, auch wenn es Travis einige Überwindung kostet, stattdessen lümmeln wir uns auf dem Sofa herum und warten darauf, dass Fishtree herauskommt. Im Gegensatz zu unserem Haus ist seines aufgeräumt und sauber, alles steht an seinem Platz, nichts liegt herum, kein Kaffeebecher auf dem Tisch, keine aufgeschlagene Zeitung. Und natürlich keine Ratte, die trotz meines Verbotes und eindringliche Warnung an Travis, sie nicht aus dem Käfig zu lassen, gelegentlich durch unser Wohnzimmer huscht. Ich kann Ratten nicht leiden und rede immer wieder auf Travis ein, die Ratte weg zu bringen. Gleich drauf erscheint Fishtree, dessen Vornamen wir nie erfahren, im Wohnzimmer, linkisch und unsicher wie immer, sich die Ärmel seines Hemdes herunterkrempelnd.

“Was machen wir heute, Alter?" fragt Travis freundlich und Fishtree schiebt die Brille mit dem Zeigefinger den Nasenrücken hoch und zuckt die Schultern. Es ist überaus schwer, ihn dazu zu überreden, mit uns irgendwohin zu fahren, auszugehen, etwas zu unternehmen. Er bleibt am liebsten in seinen eigenen vier Wänden. Nur Annie - in die er heimlich verliebt ist - kann ihn manchmal dazu überreden, uns zu begleiten. Die Ausflüge sind generalstabsmäßig geplant, denn Fishtree ist kein Freund von Überraschungen. Eine plötzliche Änderung des Plans, ein Freund, der überraschend dazu stößt, kann die ganze Operation zum Platzen bringen und Fishtree verkriecht sich wieder in seine Dunkelkammer. Er scheint gern zu uns herüberzukommen, die Unordnung, das Durcheinander von Geräuschen laufender Fernsehgeräte, Videospielen und Gitarrengeklimper scheint ihm zu gefallen. Oder besser: zu interessieren. Fasziniert betrachtet er alte Pizzaschachteln und leere Zigarettenschachteln auf dem Tisch, studiert die herumliegenden Zeitschriften und LP-Cover. Wann immer er am Abend (tagsüber sieht man ihn nie) vorsichtig die Tür öffnet, als betrete er einen Raubtierkäfig, ruft Travis ihm erfreut zu: "Fishtree! Komm rein, nimm Dir ein Bier, Alter." Seine Antwort ist ein zaghaftes “Oh", als habe er von diesem Getränk schon gehört, es aber noch nie probiert. Tatsächlich stellt er sich beim Öffnen der Bierdose so umständlich an, dass Travis sie schließlich für ihn öffnet. So kommt es, dass, wann immer er unser Haus betritt, Travis ihm freundlich grinsend eine geöffnete Bierdose entgegenhält. Und auch wenn ich den Eindruck habe, er hätte lieber einen Tee, nippt er tapfer daran und schafft nie mehr als eine Dose, während Travis in diesen oft langen Nächten eine nach der anderen herunterspült wie Wasser. Irgendwann röten sich Travis Wangen, die Augen werden glasig, auf seinem Hemd sind Bierflecken oder Chips Krümel und seine Stimme wird immer undeutlicher, während Fishtree am äußersten Ende der Couch sitzt, das Hemd glatt und sauber, die Haare ordentlich aus der Stirn gekämmt. Travis hat einen Narren an Fishtree gefressen und dieser scheint Gefallen an seiner Gesellschaft zu finden, was einigermaßen überrascht, denn beide könnten nicht unterschiedlicher sein. Zwar stopft sich Travis mit allerlei ungesundem Zeug voll, trinkt Unmengen von Bier, wäscht sich selten und wechselt auch nur ungern die Kleidung. Aber er wirkt auch kräftig und unverwüstlich. Ständig hat er leichte Verletzungen, einen Bluterguss am Knie, ein zerschrammtes Bein, kleine Schürfwunden, strotzt aber ansonsten vor Gesundheit. Er vertilgt Berge von Lebensmitteln, sein massiger Körper scheint jede Art von Energie gleich wieder zu verbrauchen, so kaut er ständig irgendwas, nuschelt Unverständliches und lacht dröhnend. Fishtree ist klein und zierlich, das Schwarz seiner Kleidung lässt ihn blässlich wirken, er sieht immer ein bisschen erschrocken aus, bewegt sich vorsichtig, als habe er Angst, er könnte sich verletzen oder ihm könnte etwas herunterfallen. Seine Stimme ist nasal und leise, aber im Gegensatz zu Travis weitausufernden Geschichten, bei denen er immer wieder den Faden verliert und gern zu Übertreibungen neigt, drückt Fishtree sich klar und präzise aus, er verdirbt nie die Pointe einer Geschichte, noch vergisst er den Namen eines Ortes oder den einer Person. Wenn man die beiden zusammensieht, Travis, lässig an ein Auto gelehnt und Fishtree, der ihm mit leicht gesenktem Kopf aufmerksam zuhört, kann man nicht glauben, dass sie sich irgendwas zu sagen haben. Aber sie scheinen sich zu mögen.

“Ich kann nicht glauben, dass Du wirklich Fishtree heißt," sagt Travis kopfschüttelnd von Zeit zu Zeit und dieser antwortet leicht irritiert, "aber Travis, das habe ich doch schon erzählt."

“Klar. Weil Du Franzose bist und die bei der Einwanderung haben‘s nicht gebacken gekriegt mit dem Namen."

“Ich bin nicht Franzose. Aber meine Vorfahren. Sie sind 1925 nach Amerika ausgewandert und..." “Ich weiß schon," unterbricht Travis und verdreht oder erfindet die Geschichte neu. Es ist ein Spaß, ihm dabei zuzusehen, denn natürlich nimmt er Fishtree nur hoch. Der scheint es nie zu merken. Oder er spielt das Spiel einfach mit. Gelegentlich fahren wir runter in die Stadt in eine kleine italienische Eisdiele. Natürlich könnten wir auch zu Fuß gehen, aber Travis weigert sich standhaft, unamerkanische Sitten einzuführen. In seiner Vorstellung sind Europäer den ganzen Tag zu Fuß unterwegs oder noch schlimmer, benutzen öffentliche Verkehrsmittel. Amerikaner nicht. „Ich bin Amerikaner. Ich fahre mit dem Auto,“ sagt er und nickt bekräftigend. Travis bestellt immer ein oder zwei riesige Schokoladenbecher und Fishtree einen Tee. Jedes Mal schaut er enttäuscht, wenn der Kellner ihm eine Tasse lauwarmen Wassers bringt, in die er voller Verachtung einen Teebeutel geworfen hat. Fishtree schiebt mit dem Finger missbilligend die Brille die Nase hoch, der Kellner wirft einen ebenso missbilligenden Blick zurück, denn Tee ist nach seiner Meinung in einem italienischen Café nur im äußersten Notfall zu servieren. Um den Kellner aufzumuntern, bestelle ich immer einen Cappuccino, den er galant serviert, während er Fishtrees Teetasse kurz vor dem Absetzen fallen lässt, so dass das Wasser leicht über den Tassenrand schwappt.

“Warum isst Du kein Eis?" fragt Travis und löffelt genussvoll sein Stracciatella.

“Er hat eine Allergie," erkläre ich zum wiederholten Male und Fishtree nickt. Travis beißt krachend von seiner Waffel ab.

“Allergie? Gegen Eis?"

Fishtree seufzt. "Gegen Milch."

“Ernsthaft?" Travis leckt nachdenklich den Löffel ab und hebt die Brauen. Nahrungseinschränkungen in jeder Form sind Travis ein Graus. Als Kind ist er von seinem Vater immer wieder fast krankenhausreif geprügelt worden. Aber nur einmal hat sich Travis in meiner Gegenwart bitterlich über seine Eltern beklagt. Sie hatten ihn in seinem Zimmer eingesperrt und er habe "zwei oder drei Tage" nichts zu essen bekommen. Vermutlich übertreibt er maßlos, vielleicht haben ihn seine Eltern ohne Abendbrot ins Bett geschickt. In seiner Erinnerung allerdings ist es das Schlimmste, was sie ihm angetan haben. Vielleicht ist es auch die einzige Erinnerung, die er zulassen kann.

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