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Feilkode 418

Zwei Frauen

Zwei Frauen · Romane

Zwei Frauen, eine Politikerin und eine Wissenschaftlerin, müssen sich in einem Spannungsfeld aus Macht und Freundschaft bewähren.

Hva vil du med boka?

Ohne Macht auszuüben, gelingen keine Veränderungen. Ich möchte mich mit diesem Buch mit dem Thema Frauen und Macht auseinandersetzen: wie man an Macht gelangt, was es heisst an der Macht zu sein, wie man sich behaupten muss, um an der Macht zu bleiben. Welcher Lebensentwurf steckt dahinter? Welche alternativen Lebensentwürfe gibt es? Korrumpiert Macht? Ist sie erstrebenswert? Ohne einfache Antworten geben zu wollen, beschreibe ich zwei Frauen auf ihrem Weg in einem Spannungsfeld aus Macht und Freundschaft in einer Krise. Die eine ist als Politikerin und Entscheiderin gefordert, die andere muss sich gegen Staatsgewalt wehren, um ihr en Lebensentwurf zu verteidigen.

Om forfatteren

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Seit über 20 Jahren in Frankreich wohnend bin ich immer noch in die Deutsche Sprache verliebt.

Zwei Frauen

1/1. Sophie

Die Gerüchte werden immer krasser und toben durch die sozialen Netzwerke. Spekulationen über einen möglichen, missglückten Terroranschlag machen die Runde: Islamisten seien einem biologischen Kampfstoff nicht mehr Herr geworden.

Auf unserer Fahrt müssen wir mehrfach einen Umweg einschlagen, weil Demonstranten die Strasse blockieren. Demonstranten und Gegendemonstranten. „Muslime `raus“ oder „Für Toleranz“ lese ich auf den Plakaten, denen man ansieht, dass sie in aller Eile bekritzelt wurden. Es gibt Schwarz und Weiss.

Diejenigen, um die es geht, halten sich im Hintergrund. Aufregung und Hass verhindern, dass die Ansteckungsgefahr Versammlungen platzen lässt. Jedenfalls jetzt noch. Wenn die Zahl der Erkrankten weiter zunimmt, wird sich das schlagartig ändern.

Unsere Limousine hält vor der Parteizentrale des Predigers. Seit mehreren Jahren steigen die Grundstückspreise stetig. Vor zwei Jahren entstand deshalb der Neubau auf einer kleinen Parzelle und wurde als Ausgleich dafür in die Höhe gezogen. Mit seinen 40 Stockwerken sieht man das Gebäude von fast überall in Sonderstadt.

Es ist ein Gang nach Canossa, aber in dieser Krise brauchen wir ihn und ich tue alles, um seiner Eitelkeit zu schmeicheln. Für mich ist er wie ein Spiegelbild. Ich frage mich, wann immer ich ihn beobachte, ob ich bereits dieselben Anzeichen von Grössenwahn zeige. Ich warte noch einen Augenblick, bevor ich aussteige. Ein Lufthohlen vor einer Begegnung, die meine ganze Konzentration verlangen wird.

Vor dem Eingang stehen Polizisten, denen das Maschinengewehr lässig über dem Bauch baumelt. Wir erhöhten zunächst die Sicherheitsmassnahmen und mussten schliesslich den Ausnahmezustand ausrufen, der Demonstrationen verbietet, aber nicht verhindert, dass sich immer wieder Gruppen zusammenrotten, wenn ein neues Gerücht über die sozialen Medien verbreitet wird.

Ich frage mich regelmässig, ob unsere Polizisten, eingelullt durch den früheren, ereignislosen Alltag, überhaupt in der Lage sind schnell genug zu reagieren, sollten sich gut vorbereitete Gewalttäter einen Weg zum Gebäude bahnen. Jetzt unterhalten sich unsere Ordnungshüter in kleinen Grüppchen, vermutlich über das gestrige Champions League Spiel oder was sie heute Abend unternehmen wollen. Aufgebrachte Demonstranten in Schach zu halten wären sie allerdings durchaus in der Lage.

Als ich den Fuss aus dem Auto setze, kommt sofort ein Security-Mann aus dem Eingang neben der Drehtür herausgelaufen. Ich selbst habe bisher persönliche Security abgelehnt, die mich begleitet. Aber an allen Orten, wo ich  mich untertags aufhalte und auch zu Hause, vor unserer Eingangstür, steht Wachpersonal mit nicht immer wachen Augen und einem Knopf im Ohr. Der Security-Mann schaut sich um, bevor er mich aussteigen lässt und zur Tür begleitet. Seine Gesichtszüge entspannen sich erst wieder, als wir das Gebäude betreten haben. Die Aufzugstür geht auf, und der Prediger tritt heraus.

Seine politische Karriere schlug schon erstaunliche Haken, und es gibt ihn immer noch. Der Prediger ist das, was man einen Populisten nennt. Politische Winde treiben seine Überzeugungen immer dorthin, wo es am meisten Wählerstimmen zu holen gibt. Werte spielen dabei eine geringere Rolle. Ich reklamiere Besonnenheit und Vernunft für mich, die aber nicht immer populär sind. Zugeständnisse an Volksnähe machte ich aber auch schon viele, jedenfalls da wo es nicht allzu wehtat.

Die Registrierung aller Muslime nach Ausbruch der Krise war für mich ein schwerer Schritt. Anhand der Namen schloss das Einwohnermeldeamt auf mögliche arabische oder türkische Ursprünge und legte dann anhand einer Überprüfung der Aktivitäten in sozialen Netzwerken, von Befragungen, auch der Nachbarn, eine definitive Liste an, die zum Schutz dieser Personengruppen da war. Sie liegt unter Verschluss wie Morphine in einem Giftschrank.

Der Prediger umarmt mich herzlich. Joseph, meinen Assistenten, bedenkt er nur mit einem Kopfnicken. Draussen drücken sich Journalisten an die Scheibe und versuchen durch das Glas hindurch verwertbare Aufnahmen zu machen.

Wir haben unser heutiges Treffen geheim gehalten, aber irgendjemand tratscht immer, weil er sich davon einen Vorteil verspricht. Das ist aber auch in Ordnung. Der Schulterschluss würde gut ankommen. Als sich die Aufzugstür hinter uns schliesst und wir allein sind, rückt der Prediger wieder etwas von mir ab. Seine Gesichtszüge entgleisen zu diesem mokanten überheblichen Ausdruck, der nichts Gutes verspricht.

Mit flüssiger Geste weist er mir den Weg in den Konferenzraum. Durch die bodentiefen Fenster fällt herbstlich graues Licht. Ein ovaler Tisch aus Kirschholz oder Kirschholzimitat, wer kann das heute noch mit Sicherheit sagen, füllt fast den ganzen Raum aus und bietet 20 Menschen Platz. In zweiter Reihe stehen noch einmal Stühle an den Wänden für Teilnehmende, die nur eine beobachtende Rolle haben.

Auf der Mitte des Tisches befinden sich kleine Mineralwasser-, Apfel- und Orangensaftflaschen. Ich bin sicher, er hat diesen Raum ausgewählt, um einen Augenblick der Irritation zu schaffen, allein durch die Frage, wo ich mich hinsetzen soll.

An einem Ende sitzt der Chef und gegenüber die Opponenten; diese Situation möchte ich klar vermeiden. Mich direkt auf einen Stuhl am Eingang mit der Tür im Nacken zu setzen, wäre eher unangenehm, weil ich Hereinkommende nicht sehen könnte und gegebenenfalls von der Sonne geblendet würde, falls die Schleierwolken den Sonnenstrahlen platzmachten. All diese Gedanken gehen mir im Bruchteil einer Sekunde durch den Kopf, und ich steuere einen Platz links oben an der Breitseite des Tisches, mit dem Fenster im Rücken an. Gut gemacht, sage ich mir, als der Prediger einen Moment stutzt. Dann setzt er sich ans Kopfende des Tisches mit Blick auf die Uhr. Wie vorhersehbar. Sein Referent, der mit einer Aktenmappe den Raum betritt, versucht einen Platz in der Sitzreihe hinter mir einzunehmen, sodass er mir im Rücken sitzt, wenn ich mit dem Prediger rede, aber Joseph ist schneller und setzt sich dorthin, mir den Rücken freihaltend. Ich winke ihn aber an den Tisch.

Der Prediger lächelt mich an. „Etwas zu trinken?“. “Gerne”. Abzulehnen bedeutet Schwäche, Unsicherheit. “Ohne Kohlensäure bitte”, komme ich seiner Nachfrage zuvor. In allergrösster Ruhe schenkt er erst mir und dann sich ein Wasser an. Die persönlichen Referenten müssen sich selbst bedienen. Schweigen und warten. Schweigen ist eine ausserordentlich effektive Waffe. Schliesslich befinde ich mich auf seinem Terrain. Einmal sehen, wer das Schweigen zuerst bricht. Er gibt sich keine Blösse. Sein Referent erhebt sich und fasst die Lage zusammen. Auf meinen Blick hin kommentiert Joseph und korrigiert einige Details.

„Nachdem wir uns über die aktuelle Lage ausgetauscht haben“, hebt der Prediger an, „und doch im Wesentlichen zu einer ähnliche Einschätzung der Situation gekommen sind, sollten wir über unsere weitere Zusammenarbeit sprechen.“ Pause. Er will an die Macht, wie jeder von uns. Er wird mich nicht unterstützen, denn wenn ich in der Krise gut aussehe, schmälert das seine Wahlchancen. Er will aber auch nicht als der ewig nörgelnde Wahlverlierer an die Seite gedrängt werden, weil unser Stimmvolk im Moment nicht auf kleinkariertes Hick-Hack steht. Verständlich.

„Absolut“, höre ich mich sagen, „wir sollten in diesen schweren Stunden zusammenarbeiten.“ Wie kitschig, aber er steht auf so etwas. „Was hälst Du davon, einen Ministerposten zu übernehmen?“ Jetzt habe ich ihn an den Hörnern, wer mitmacht, macht auch etwas falsch. Ich sehe, wie er auf ein Antwortszenario zurückgreift, das er kurz vorher mit seinem Referenten diskutiert hat.“ Er wackelt mit seinem gutgeschnittenen Gesicht, in dem das markige Kinn unter einem schmalen Mündchen hervorspringt. Ich habe mir sagen lassen, dass die vollen Haare, die Vitalität versprechen, nicht einem Toupet, sondern einer Haartransplantation zu verdanken seien.

„Das würde nun doch nicht dem Wählerwillen entsprechen, der ja Dich, meine Liebe, gewählt hat.“ Genau, keine Verantwortung. Aber so habe ich ihn jetzt dazu gebracht, mit seinem Vorschlag direkt herauszurücken, was mehr Angriffsfläche bietet, als wenn er ihn scheibchenweise als Kommentar zu einem annehmbaren Vorschlag meinerseits vorgebracht hätte.

„Ich stelle mir da eher eine Art Diskussionsforum vor. Wir treffen uns regelmässig und tauschen unsere Ansichten aus. Wir bleiben im Gespräch.“ Ich habe es geahnt, keine Verantwortung. Und nach jedem Treffen würde er sich mächtig in der Öffentlichkeit in Szene setzen und uns kritisieren. Aber was bleibt mir übrig, wir würden ebenfalls die Öffentlichkeit informieren müssen und hoffen, dass wir glaubwürdiger herüberkommen.

 


 

2.

Ich habe Angst.

Ein Blick in die Runde zeigt mir, dass es den anderen nicht so geht.

Meine Angst hat viele Gesichter bekommen. Ich habe Angst vor der Klimaveränderung, Krankheiten und dem nächsten Tag. Vor allem aber habe ich Angst vor dem Alleinsein, Trennungen und dem Tod. Die Angst ist mit dem Älterwerden gekommen. Probleme, mit denen ich mich bei meiner Arbeit befassen muss, machen mir hingegen weniger Angst.

Sie schauen mich erwartungsvoll an. Ich bin ihr Flaggschiff und das darf nicht zögern, ihnen zu zeigen, dass es immer eine Lösung gibt.

Nachdem ich das Ergebnis unserer Sitzung kurz zusammengefasst habe, stehen Joseph und Brigitte, meine Presseschefin auf, in ihren Papieren kramend, diskutierend und Verabredungen treffend. Der Kapitän verlässt das Schiff zum Schluss. Ich stehe am Fenster mit dem Rücken zur Tür und warte bis beide den Raum verlassen haben.

Joseph fing nach seinem Wirtschaftsdiplom und einem Intermezzo bei einer Investmentbank bei mir an. Aussicht auf Macht war wohl interessanter als viel Geld. Brigitte ist ein alter Hase, mit allen Wassern gewaschen. Auf beide kann ich mich unbedingt verlassen.

Manche fangen an zu trinken, wenn Angst an der Seele frisst, das ist meine Sache nicht. Irgendwo habe ich gelesen, dass Angst zur menschlichen Existenz gehört, man für sie Platz in seinem Leben machen müsse, dass sie ein wichtiges Warnsignal sei und nur Dumme oder Menschen mit einem genetischen Defekt keine hätten. Doch das macht es kaum besser.

Älterwerden heisst auch auf andere komisch zu wirken, denn die Welt, der man angehört, beginnt unterzugehen, mit jedem Altersgenossen, der vor einem stirbt.

Abends ist es am schlimmsten, wenn die kleinen Hausarbeiten, die trotz Putzfrau anfallen, erledigt sind, niemand mehr anruft und ich mich bereits zum 15-minütigen Fitness-Programm aufgerafft habe.

Viele Aktivitäten sind schal geworden. Lesen bringt nicht mehr die gleiche Befriedigung wie früher. Es gibt so wenig zu entdecken. Beim Musikhören schweifen die Gedanken ab.

Meine Betäubung sind Fernsehserien. Ich versenke mich in ihre Geschichten und kann dann endlich einschlafen, sodass ich fast immer das Ende verpasse. Eine harmlose Droge, die traurig macht.

Joseph, Brigitte und ich haben das Problem wiederholt diskutiert, evaluiert, begutachtet. Noch sind die Menschen zwar sehr beunruhigt, aber es ist noch keine Panik ausgebrochen, weil die Zahl der Erkrankten gering ist, aber der Mangel an Erklärungen beunruhigt uns alle. Kleine Gruppen demonstrieren, gegen was auch immer. Im gestrigen Radiofeature zum Stand der Dinge fiel das Wort Epidemie, das Wort Pandemie blieb noch im Hintergrund.

Angefangen hatte es vor vier Wochen. Die Stadt, der Müll, die Krankheit. Gestorben ist noch niemand.

Von hier oben sieht alles wie bisher aus. Lichte Bürogebäude moderner Architektur beheimaten Firmen, Behörden und Angestellte. Unten auf den Fussgängerwegen sind die meisten jetzt auf dem Nachhausweg. Die Eingangspforten der Tiefgaragen spucken gepflegte Mittelklassenwagen in gedämpften Farben wie Silber, Dunkelblau oder Weiss aus. Manchmal ist auch ein Porsche darunter. Sie reihen sich in den Feierabendverkehr ein, der träge dahinfliesst.

Die Tage sind bereits kurz. In den Büros gehen jetzt die Lichter eines nach dem anderen aus, bis in der Dunkelheit ein Mosaik aus Streben, Wänden und einzelnen erleuchteten Fenstern übrig bleibt.

Ich frage mich, wer die anderen sind, die da immer noch arbeiten, was sie festhält oder ob sie einfach wie ich nur so dastehen und versuchen ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen.

Wenn ich nicht auffallen will, muss ich vom Fenstern zurücktreten und mich jetzt in mein Büro zurückziehen oder wie alle anderen meine Aktentasche schnappen und nach Hause gehen. Dort arbeitet Johannes am Flügel an seinem Bläserkonzert.

Zurück im Büro schalte ich den Wasserkocher an und wähle einen fruchtig parfümierten grünen Tee aus. Ruhe bewahren und eine Tasse Tee trinken. Verkehrt ist das nie. Heisse Getränke verbessern die Laune; das sei wissenschaftlich erwiesen. Heisst es. Manchmal steigt die Angst in Wellen hoch, ausgelöst von einer Bemerkung, einem Bild oder einem Geräusch.

Ich schalte das Radio an und wähle einen Musiksender aus, bei dem nicht die Gefahr besteht mit Nachrichtenfetzen gequält zu werden, die Angstschübe hervorrufen können.

Je älter ich werde, desto mehr liebe ich brocke Musik, die in ihrer klaren Struktur beruhigend wirkt und chaotischen Emotionen keine Nahrung gibt. Weihnachten ist nicht mehr weit und so bringen sie in der Tat eine Bachkantate. „Ach wie so flüchtig, ach wie so nichtig“ stossen die Sänger aus. Wie passend in diesem Moment.

Am Schreibtisch nehme ich noch einmal die zehnseitige Zusammenfassung der Ereignisse hervor. Mit der Angst verhält es sich wie mit Schmerzen. Leidet man an chronischen Schmerzen an einem bestimmten Körperteil, geraten diese in Vergessenheit, wenn ein anderer, neuer oder stärkerer Schmerz hinzukommt. Zahnschmerzen verdrängen die chronischen Rückschmerzen. Fast begrüsse ich die Bedrohung, die von den Müllkippen ausgeht.

Noch bezweifeln alle Experten eine Übertragung von Mensch zu Mensch, aber Vermutungen werden laut, dass dies durchaus passieren kann, durchaus bereits passiert ist.

Jahrelang liessen wir die Vogelgrippe nicht aus den Augen. Wegen Einzelfällen in Hühnerstellen wurde ein systematisches Massentöten von Geflügel behördlich verordnet, wo immer die Erkrankung auch auftrat.

Schuldbewusst sehe ich weisse Federberge vor mir, aus denen Schnäbel und Hälse verrenkt herausragen. Nur Menschen im direkten Umgang mit dem Geflügel steckten sich an. Über die Jahre waren es eine Handvoll, und die Infektionskrankheit wurde immer als eine Art Berufsrisiko betrachtet.

Jetzt schlägt das Schicksal von einer anderen Seite aus zu. Unerwartet. Plötzlich gibt es wieder so etwas wie Schicksal. Darauf haben wir uns nicht vorbereitet. Bisher verstehen wir das Geschehen überhaupt nicht.

Mit Aids war es ähnlich. Damals beruhigten wir uns, dass es eine bestimmte Gruppe, eine Randgruppe traf und man sich durch Wohlverhalten schützen konnte.

Es ist Zeit nach Hause zu gehen. Mich schreckt der Gedanke an das Bläserkonzert. Johannes ist ein moderner Komponist, weit entfernt von der Klarheit des Barocks.

Im Fassadenmosaik sind noch immer einzelne Fenster erleuchtet. Der fruchtige Teegeruch breitet sich im ganzen Raum aus. Draussen ist es zu warm für diese Jahreszeit. Nichtdestotrotz schliesse ich den Wintermantel und zurre den weichen Kaschmirschal fest. Nur die Handschuhe verstaue ich in der Aktentasche. Kleidung schützt und legt sich wie eine zweite Haut um uns. Normalerweise nehme ich die Treppen, um Fitness in meinen Alltag einzubauen, aber heute rufe ich den Aufzug. Unten an der Rezeption sitzt niemand mehr, und man kann das Gebäude nur verlassen, es aber nicht mehr betreten.

Draussen hat der Verkehr bereits abgenommen. An der Bushaltestelle stehen meistens dieselben Menschen. Eine gepflegt geschminkte Dreissigjährige, vermutlich eine Sekretärin, die im selben Gebäude wie ich arbeitet; ein älterer Aktentaschenträger, vielleicht ein Buchhalter; ein Pärchen, das ich noch nie gesehen habe, ein selbstbewusster Fünfziger, sicherlich eine Führungskraft. Verschämt beobachten wir uns. Ich bin mir sicher, dass sie mich kennen, aber ich ziehe mein Genick ein und vergrabe meinen Hals in Schal und Kragen.

Wartezeiten auf einen Bus sind die längsten, die ich kenne. Wir alle starren in die dunkle Ferne, aus der ab und an ein Scheinwerfer auftaucht, sich aber dann als Auto entpuppt. Die Strasse verliert sich ausserhalb der Bürostadt nach einer Allee zwischen Feldern. Häufige Blicke auf die Uhr zeigen, dass die Zeit nicht vergeht, dahinkriecht, in Sekundenetappen. Obwohl es nicht kalt ist, dringt irgendwann Klammheit durch die Kleider, die mich gemeinsam mit der Müdigkeit frösteln lässt. Dann formen sich endlich Lichtpunkte zu einem massiven Lichtbalken. Noch immer dauert es, bis der Bus als solcher zu erkennen ist. Stehe ich allein an der Haltestelle, kämpfe ich mit der Angst, dass der Busfahrer mich eventuell übersieht, in der Hast der Nacht, keine Passagiere mehr erwartend. Aber dazu ist es heute noch zu früh, und wir sind auch eine ansehnliche Gruppe, die nicht leicht zu übersehen ist.

Der Bus hält schnaufend vor uns, und wir steigen beim Fahrer ein, zeigen unsere Ausweise oder werfen ihm Münzen hin. Der Bus ist um diese Zeit schon ziemlich leer, und wir alle verteilen uns im Inneren den grösstmöglichen Abstand zueinander einnehmend.

Ich schaue aus dem Fenster, als hätte ich diese Abfolge langweiliger Einfamilienhäuser und Einkaufszentren noch nicht gesehen. Die Sekretärin starrt auf ihr Smartphone, das Pärchen hat nur Augen füreinander und die Führungskraft blättert in einer Zeitung, während der Buchhalter die Augen geschlossen hält und irgendwelchen Träumen nachhängt.

Was wäre, wenn wir plötzlich miteinander sprächen. Aber das ist ein ganz und gar abwegiger Gedanke und seit ich diesen Bus benutze noch nie passiert.

Ich steige als Vorletzte aus. Jetzt habe ich noch fünf Minuten zu laufen. Der Bus entfernt sich und schwankt wie ein leckes, erleuchtetes Raumschiff die Allee entlang, die kaum von Strassenlampen erleuchtet wird. Ein feiner kühler Regen weht mir entgegen, und der Teppich aus grüngelben, orangegelben oder braunen Platanenblättern auf dem Gehweg glänzt feucht. Mit schnellen Schritten kämpfe ich gegen den Regen an, um möglichst bald ins Warme zu kommen. In diesem Viertel stehen einzelne Villen aus dem Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts auf raumgreifenden Grundstücken. Schon von weitem sehe ich unsere grossen, hellerleuchteten Fenster.

Im Wohnzimmer mit dem überdimensionierten Kronleuchter, den wir von unseren Vormietern übernommen haben, weil sie ihn nicht mitnehmen wollten und wir nicht nein sagen konnten, sitzt Johannes am Flügel. Ich höre Töne durch den Wind dringen, spitze einzelne Töne, zarte, weiche Tonfolgen, zaghafte Töne und ganz selten kräftige Akkorde. Johannes denkt sich seine Musik im Kopf aus und muss nur in grossen Abständen Wirkungen einzelner Tongebilde überprüfen. Daraus resultieren lange stille Perioden unterbrochen von Tonfetzen, was alles unzusammenhängend und beliebig klingt.

Weil er eigentlich immer arbeitet, wenn ich zu Hause bin, und sich konzentrieren muss, dudelt in unserem Haus kein Radio, keine CDs werden abgespielt, niemand singt. Wir leben in der grotesken Situation, dass obwohl Musik für Johannes alles bedeutet, in unserem Haus nur ganz selten Musik zu hören ist.

Ich bleibe an der eisernen Eingangspforte stehen und lausche. Manchmal summt Johannes auch, während er sich Notizen macht. Hier draussen ist jetzt nur noch das Pfeifen des Windes und feines Regentröpfeln zu hören. Während ich über die unregelmässig verlegten Steinplatten, die Wurzeln und Witterung aus dem Erdreich gedrückt haben und einen unebenen Pfad bilden, aufs Haus zu gehe, plärrt plötzlich der Fernseher auf, der zwar im Wohnzimmer steht, den wir aber so gut wie nie anschalten. Einen Moment später wird die Lautstärke auf ein erträgliches Mass geregelt. Ich versuche Worte aufzuschnappen, zu erraten, um was es geht, aber ich kann es mir denken. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Sobald ich das Haus betrete, wird Johannes Antworten von mir erwarten. Ich bin auf einmal sehr müde und lasse mich in den Rattansessel unter der Pergola fallen, den wir schon längst in den Schuppen hätten räumen sollen und überlasse mich meinen Gedanken an Verganges.

 


 

3.

Sonntage waren stille Tage. In den ersten Jahren, derer sie sich erinnern konnte, gab es sonntags Schweinbraten mit Nudeln, an denen nie die Sosse kleben blieb, oder Rinderbraten mit Kartoffeln. Das war schon besser gewesen. Und nachmittags ass man den Kuchen, der am Vortag gebacken worden war.

Wenn sie samstags aus der Schule kam, roch es schon im Hausflur nach Hefe, warmen Früchten und Eiern. Vom Blechkuchen schnitt ihre Mutter dann die Ränder ab, die bereits samstags gegessen werden durften.

Schnitzel und Pommes hielten ihren Einzug ins sonntägliche Wohnzimmer in den siebziger Jahren. Gefolgt von selbstgemachtem Eis, das härter als gekauftes war und in kleine Rechtecke geschnitten wurde. Schokolade gab es an Weihnachten, Ostern und Geburtstagen.

Vor dem sonntäglichen Mittagessen spielte sie mit wenig Begeisterung fürs Üben aber einigem an Musikalität Klavier.

Die Sonntagnachmittage waren lang und langweilig. Dann schwang sie sich auf ihr Fahrrad und fuhr durch die leeren Strassen. Das Wirtschaftswunder war bewältigt worden, und die Nation ruhte am Sonntag.

In der Nachbarschaft wohnte eine Frau, die keinen BH trug und deren sich unter dem Pullover abzeichnenden Brüste von der Nachbarschaft  bemerkt wurden. Ansonsten war das Leben ereignislos und spielte sich in engen Grenzen ab.

An der Strassenecke vereinte ein Wasserhäuschen alle Trinker, die sich einen Kneipenbesuch nicht leisten konnten und zog die Kinder der Umgebung an, weil dort für Pfennigbeträge einzelne Süssigkeiten zu kaufen waren, Brausepulvertütchen, Napporauten, Gummischnuller, Bonbonketten oder Lutscher, zunächst mit Himbeer- und später dann auch mit Colageschmack. Bis zum Alter von sechs Jahren durfte sie nur allein bis zu diesem Wasserhäuschen gehen, nicht weiter. Dort musste sie sich auch immer auf dem Weg zum Kindergarten übergeben. Warum, fragte niemand.

Der Krieg war noch sichtbar, aber gesprochen wurde nicht über ihn. Zuhören hätte eh auch keiner wollen. Unweit der Wohnung befand sich ein Bunker mit vergittertem Eingang, dessen dicke dunkelgraue Betonmauern unheimlich anziehend und gleichzeitig gruselig wirkten. Unter der Woche, wenn der Alltag Anlass zu Fragen und Antworten gab, fiel dieses Schweigen nicht auf und senkte sich erst am Sonntag wie eine gläserne Glocke auf sie herab.

Die meisten Schulkameraden wohnten in ähnlichen 4-Zimmerwohnnungen in gleich aussehenden vierstöckigen Wohnblocks oder auch Gründerzeithäusern.

Einmal war sie bei einem Mädchen aus der Grundschule zum Geburtstag eingeladen gewesen, das in einem quadratischen düsteren Flachdachhäuschen ohne Tapeten, mit innen wie aussen dunkelgrauen Betonwänden und Wäscheleinen in der Küche wohnte. Der Armseligkeit wegen wurde vor den Bewohnern gewarnt, aber die beleibte Mutter und der athletische Bruder ihrer Freundin waren ihr als weitaus amüsanter in Erinnerung geblieben als ihre Eltern.

Eine der Klassenkameradinnen aus der Grundschule musste zu Verwandten in die DDR übersiedeln, weil die Eltern beide gestorben waren, Krankheit des einen Elternteils und anschliessender Selbstmord des anderen. Trotz dieses familiären Hintergrundes rief der Umstand der Übersiedlung nur Kopfschütteln hervor. Es war besser allein dazustehen, als dem Kommunismus anheimzufallen.

Autos gab es noch nicht viele, und sie fuhren vor allem sonntags nicht. Ausflüge am Wochenende machte kaum jemand – weil die meisten genug von jeder Art von Unruhe hatten.

Noch gab es keine Einkaufszentren, und der Schaufensterbummel in der Innenstadt am Wochenende bedeutete, dass man sich die Nase an den Fenstern geschlossener Geschäfte plattdrückte. Die Auslagen des Spielwarenladens waren unerreichbar. Sie kannte noch nicht einmal jemanden, der jemanden kannte, der diese Kostbarkeiten besass.

Manchmal radelte sie sonntags die Hauptstrasse entlang, die teilweise asphaltiert, teilweise gepflastert und manchmal einfach uneben war, bis sie zum Fluss gelangte. Dort befand sich auch der Ruderclub, bei dem sie einige Jahre lang in einem Vierer mitruderte. Die Chemiewerke verbreiteten einen weithin wahrnehmbaren Gestank, und auf dem Fluss trieben Schaumkronen.

Entlang der Hauptstrasse siedelten sich  Autohäuser an, die ebenfalls Spaziergänger am Wochenende anzogen, weil man dann ohne angesprochen zu werden, die Autos begutachten und träumen konnte, von einem anderen, freieren, vor allem abenteuerlichem Leben. Ein Leben, das nicht so grau und trist und funktional war.

Jenseits der Hauptstrasse befanden sich die Schreibmaschinenwerke und viele kleinere Handwerksbetriebe und Geschäfte.

An manchen Sonntagen radelte sie zum Kunstmuseum, das über eine Eisenbahnbrücke zu erreichen war. Dabei musste sie das Hafenviertel mit dem allseits sichtbaren Kohlekraftwerk durchqueren.

In der Nähe feierte sie in einem Restaurant ihre Kommunion, von der ihr vor allem die Duttfrisur, die ihr in der Schule die Schamesröte ins Gesicht getrieben hatte, sowie die Tatsache in Erinnerung blieb, dass ihr Vater sie nach allen anderen Gästen, das waren vor allem Verwandte, als letzte ins Restaurant hinüberfuhr.

Das Kunstmuseum war in den 70er Jahren eines der vielen weitgehend unbeachteten Museen. Schlangen an der Kasse waren undenkbar. Sie durchstreifte die Ausstellungsräume und blieb meist lange an einer Winterlandschaft aus dem 16. Jahrhundert stehen, dessen Lebendigkeit sie verblüffte und ihr im Vergleich zu ihrer Zeit unwirklich vorkam.

Nachdem die Bomben gefallen waren, herrschte immer eine unheimliche Stille. Sie herrschte bis weit in die siebziger Jahre hinein und unglücklicherweise waren das die Jahre ihrer Kindheit. Aber sie wusste, dass sie sich nicht beschweren durfte, schliesslich hatte sie den Krieg nicht erleben müssen. Ihre Kindheit war trotzdem eine traurige Zeit, weil Stille einfach traurig macht.

 


 

4.

Ich warte am grossen Konferenztisch. Gestern Abend noch liess ich die Sitzung der Sonderkommission durch eine SMS von Joseph einberufen. Ich warte, dass die Tür aufgeht und unsere Experten hereinkommen.

Die Nachrichten sind nicht mehr zu kontrollieren. Es wäre zu hoffen gewesen, dass man mich als erste informiert. Aber eine Krankenschwester twitterte, und die Journalisten, die vor Ort lauerten, griffen die Nachricht sofort auf. Mich erreichte Josephs Anruf, der wiederum sofort von der Pressestelle des Krankenhauses angerufen worden war, erst als das Fernsehen bereits berichtete. Das alles geschah innerhalb von 20 Minuten, und schon war es zu spät, die Kernaussagen noch unmittelbar zu beeinflussen. Nichtdestotrotz fuhr ich sofort ins Studio. Das wurde von mir erwartet. Die Stellungnahme war seit Tagen vorbereitet gewesen, und Joseph begleitete mich ins Studio.

Unsere ganzen Pandemiepläne, die sich vor allem mit der Bereitstellung von Impfstoffen und Prioritätenlisten für zu Impfende befassen, sind Makulatur, denn wir haben noch keinen Impfstoff noch kennen wir den Erreger. Wir wissen nur, dass wir das schaffen müssen.

Zum ersten Mal ist jetzt jemand erkrankt, der sich aller Wahrscheinlichkeit bei einem erkrankten Familienmitglied angesteckt hat, der als Müllfahrer arbeitet. Die gefürchtete Übertragung von Mensch zu Mensch. Die Konsequenzen sind klar, wir müssen die Erkrankten und alle isolieren, die mit ihnen in Kontakt stehen. Zum ersten Mal sind jetzt Menschen gestorben, drei Wochen nach dem Auftreten der ersten Symptome. Dass es sich bei den Toten um zwei der ersten Infizierten handelt, lässt Schlimmes befürchten.

Neben dem Konferenzzimmer befindet sich unser War Room, in dem alle Aktivitäten veranlasst und koordiniert werden, vor allem die Kommunikation. Sie ist mehr als Erklärung, sie schafft Realität. Brigittes Feldbett fällt einem zuerst ins Auge, wenn man in den Raum hineinschaut.

Die Experten betreten das Konferenzzimmer: unabhängige Epidemiologen, Ärzte, Vertreter der Gesundheitsbehörden, der Pharmaindustrie, des Katastrophenschutzes, der Polizei und des Militärs.

In den anderen Europäischen Ländern setzen sich mit Augen auf uns vergleichbare Kommissionen zusammen. Als erste Massnahmen wurden Reisesperren erlassen. Reisen zu uns und Reisen unserer Bürger. Die Glaskuppel beginnt sich zu schliessen.

Arbeitsalltag einer Politikerin. Ich bewunderte immer das Metier der Chirurgen und die grosse Konzentration, die damit einhergeht, mit dem Ziel jegliche Fehler zu vermeiden. Fehler darf es nicht geben, und es ist klar, was ein Fehler ist und was nicht. Wir hingegen wissen das nicht. Fehler oder nicht. Dies erweist sich erst nach vielen Jahren, während denen Faktoren Einfluss nehmen, die vorab kaum absehbar waren. Angst die falsche Entscheidung zu treffen, haben wir immer.

Die Koryphäen, die um den Tisch herumsitzen, sind schon fast alle jenseits der Fünfzig. Als ich jünger war, nervte mich das immer, mittlerweile weiss ich, dass Einschätzungsvermögen bei den meisten erst ab vierzig wirklich vorhanden ist und sich über viele Jahre entwickeln muss.

Sie warten auf meine Begrüssungsworte. Heute Morgen noch bin ich mit dem mulmigen Gefühl aufgewacht, ob ich das wohl bewältigen könne; jetzt erscheint mir alles ganz selbstverständlich.

„Schön, dass sie umgehend kommen konnten.“ Pause. Blick in die Runde. „Die Situation kennen wir alle.“ „Militärisch knappe Worte. Nichts ist schlimmer als zu schwätzen anzufangen. „Ich möchte Sie bitten, sich kurz vorzustellen, bevor wir die nächsten Schritte beraten.“ Jedes Wort sorgfältig gewählt. Sie sind ein schwergewichtiges Beratergremium. Manche kenne ich.

Ich nicke Jäger zu, der zu meiner Rechten sitzt. Der macht nicht viele Worte. „Jäger, Robert Koch-Institut“. „Krämer, Charité.“ Krämer versteigt sich gerne in utopistische Vorschläge, weil er weiss, dass er nie die Verantwortung für ihre Verwirklichung übernehmen muss, aber damit für einen Augenblick im Zentrum der Aufmerksamkeit steht.

„Müller, Bundesgesundheitsamt.“ Müller hingegen gibt als Leiterin der nationalen Gesundheitsbehörde gerne die kernige Macherin, die nur das Realisierbare anspricht. „Dorfmann-Klaus, Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie.“ „Heintz, Generalinspekteur der Bundeswehr.“ „Petermann, Universitätsklinik Sonderstadt.“ „Frantzen, Uniklinik Heidelberg.“ „Sigg, PharmaMondial.“ Bei Sigg stand ich vor vielen Jahren einmal unter einem Beratervertrag. Ich hoffe, dass das unter dem Deckel bleibt.  „Lauterbrunnen, THW.“ „Hanser, Polizei von Sonderstadt.“ Das sind meine Berater; die Minister unseres Stadtstaates werde ich anschliessend treffen.

"Unsere Befunde unterstreichen, dass wir es wahrscheinlich mit einem neuen Erreger zu tun haben, der eine Pandemie auslösen könnte. Phase 4 oder vielleicht 5 ist bereits erreicht", versucht Krämer die Ausgangslage zu beschreiben. "Da schrillen die Alarmglocken", pflichtet Dorfmann-Klaus bei. „Der Erreger bringt ein paar beunruhigende Eigenschaften mit und könnte sich schnell zu einer weltweiten Gefahr anwachsen“, ergänzt Krämer. All das wissen wir schon.

„Und was ist, wenn wir eine Pandemie ausrufen, und kaum jemand wird ernsthaft krank? Sind wir denn schon sicher, dass es überhaupt eine neuartige Erkrankung und nicht eine Lebensmittelvergiftung ist?" Wie erwartet erweist sich Müller als Advocatus Diabolus. „Ich kann mir schon vorstellen, was man uns vorwerfen wird. Panikmache oder Geschäftemacherei.“ Sigg, der Schweizer von der Pharmaindustrie lächelt milde. Er lässt gern andere für sich sprechen und greift erst ein, wenn er die eigene Position auf verlorenem Posten verortet.

„Das Problem ist, dass wir mit geeigneten Massnahmen nicht warten können, bis wir Sicherheit erlangt haben“, kontert Petermann und schiebt ihre goldgeränderte Brille zurück auf die Nasenwurzel. „Wenn der Erreger so ansteckend ist wie wir vermuten, dann läuft uns die Zeit davon. Innert kürzester Zeit hatten wir 50 Erkrankte.“ Sie musste ich quasi einladen, weil sie lokal wichtig ist, aber sie erreicht bei Weitem nicht den Bekanntheitsgrad der anderen. Jetzt bin ich froh, dass sie hier sitzt.

Müller nimmt den Fehdehandschuh auf. Ich kann mich aufs Zuhören und Analysieren konzentrieren. „Sie wissen genau wie ich, dass wir noch ganz am Anfang stehen. Es scheint, dass sich ein bestimmter Virentypus gehäuft bei unseren Erkrankten findet. Wir konnten den Erreger aber noch nicht isolieren, noch nachweisen, dass er etwas mit der  Krankheit zu tun hat.“ Müller hat ihren Punkt angebracht, lehnt sich zurück und setzt ihren Unbestechlichkeitsblick auf.

Der alte Frantzen kommt seiner Kollegin zur Hilfe. „Das ist alles richtig. Aber wir sollten nichtdestotrotz die Angehörigen ebenfalls isolieren.“ „Wie stellen Sie sich das vor?“ wirft jetzt Hanser ein, dem die Planung der die Bevölkerung betreffenden Massnahmen den Angstschweiss auf die Stirn treibt, weil er an Demonstrationen und Strassensperren denkt. „Wir sollten erst einmal den Angehörigen die Empfehlung aussprechen, zu Hause zu bleiben, und gleichzeitig anbieten, die Versorgung mit Lebensmitteln zu übernehmen, eine Art Lieferservice“, beschwichtigt Lauterbrunnen. Auch Heintz schweigt noch, wahrscheinlich, weil er denkt, dass das Problem sich noch lokal lösen lässt. Wer zu viel vorschlägt, muss plötzlich etwas tun.

„Wann können wir mit Sicherheit sagen, was die Krankheit auslöst?“ Alle schauen mich an, als ich mich plötzlich in die Diskussion einmische. Jäger und Dorfmann-Klaus zucken fast gleichzeitig mit den Achseln. Wissenschaftler eben. Die Entscheidungen müssen wir trotzdem treffen.

„Wir arbeiten Tag und Nacht“, schiebt Dorfmann-Klaus entschuldigend nach. „Wenn wir uns anstecken können, bevor Krankheitssyndrome auftreten, sind wir bereits jetzt bei vielleicht mehreren Tausend Infizierten“, sagt Petermann.

Es geht noch eine Weile hin und her, immer mit den gleichen Argumenten. Nichtwissen und Kosten jeglicher Art gegen Vorsorge und Risiko. Ich beende die Sitzung kein bisschen schlauer. Manchmal frage ich mich, warum das mich treffen muss. Diese Situation und diese Entscheidung.

Bei den Erkrankten fing es ganz harmlos an. Erstaunlicherweise waren viele Muslime darunter. Die grippeähnlichen Symptome wie Fieber, Abgeschlagenheit, Muskelschmerzen und Kopfschmerzen liessen nichts Ungewöhnliches in dieser Jahreszeit vermuten. Dann kam bei einigen eine Lungenentzündung, Leberentzündung und schliesslich eine Herzbeutelentzündung hinzu.

Als ich meinen Kaffee trinke und zum ersten Mal an diesem Tag etwas esse, bevor die Ministerrunde beginnt, sind die nächsten zwei Patienten gestorben. Diesmal sind wir schneller als die flotte Krankenschwester. Die Pressekonferenz wird auf den frühen Nachmittag einberufen, so dass wir in den nächsten zwei Stunden ein Massnahmenpaket bündeln können, damit keine Panik aufkommt.

Ich erinnere mich noch an die letzte grosse Influenzawelle. Ich will das Wort Pandemie vermeiden, weil diese Klassifizierung umstritten ist. Einer meiner Berater sagte mir, „wie man heute weiß, haben wir damals ganz einfach Glück gehabt. Es hätte auch viel schlimmer kommen können.“ Dafür erhält man keine Lorbeeren noch Wählerstimmen.

Die Ministerrunde verläuft unspektakulär ohne grossen Streit. Wir machen weiter wie bisher. Erst einmal abwarten und zugleich aufklären. Das Umfeld der Infizierten wird diskret gebeten zu Hause zu bleiben. Wir fordern die Bevölkerung auf, Massenveranstaltungen zu meiden.

Dass Atemschutzmasken in kürzester Zeit vergriffen sind, können wir nicht verhindern. Bei den Hausärzten rufen Patienten an, die um die Verschreibung antiviraler Medikamente bitten. Immerhin sind sie klug genug, sich nicht in die Wartezimmer zu setzen. Ich habe Sigg von PharmaMondial in Verdacht, dass er die Vermutung diese würden bei den ersten Anzeichen einer Infektion helfen in den sozialen Medien lanciert hat. Aber vielleicht lasse ich mich nur vom schlechten Image der Pharmaindustrie zu dieser Annahme verleiten, und diese Information stammt aus ganz anderer Quelle. Welcher, lässt sich wie immer nicht mehr feststellen. Das Netz gibt selten die Verursacher Preis.

Eines unserer Kommunikationsteams beobachtet sorgfältig die Diskussion in den sozialen Medien. Hysteriewellen haben häufig dort ihre Ursache. Ich erinnere mich noch an ein Gerücht, das vor versuchten Kindesentführungen warnte. Ungefiltert und unüberprüft erreichte es in kürzester Zeit aufgeregte Mütter in der ganzen Stadt, und wir mussten uns verteidigen, dass wir nichts unternahmen noch die Bevölkerung warnten.

Jetzt sind wir wesentlich besser aufgestellt. Falls wir Fehlinformation begegnen, kontern wir mit einer kurzen Stellungnahme über Twitter oder Facebook oder fordern Institutionen, die eine hohe Glaubwürdigkeit besitzen wie das Robert Koch-Institut, auf dies zu tun. Auf die Medikamentengeschichte antworteten wir, dass Erkrankte nach dem besten Wissensstand behandelt werden, gegebenenfalls auch mit antiviralen Medikamenten, und wir vor Selbstmedikation warnen, weil dies durchaus unerwünschte Nebenwirkungen haben kann. Genügend Krankenhausbetten stünden zur Verfügung. Angst mit Angst bekämpfen. Gegen Nachmittag nehmen die Anrufe bei den Hausärzten ab, die über ein Frühwarnsystem Rückmeldungen geben.

Nach der Pressekonferenz gehe ich sofort nach Hause. Ich kann jetzt eh nichts mehr tun. Müdigkeit hat Erschöpfung Platz gemacht. Ich muss einfach ein paar Stunden schlafen und etwas essen. Als ich nach Hause komme, sitzt Johannes wieder am Klavier und betätigt in grösseren Abständen einzelne Tasten, die keinerlei Musik für mich ergeben. Das erzeugt bei mir ein Gefühl von Normalität.

5.

Oft möchte ich wissen, was in Johannes Kopf vorgeht. Wohl einiges, wenn ich an seine veröffentlichten Konzertstücke denke. Googelt man seinen Namen auf Wikipedia, wirkt sein Werk beachtlich, aufgeführt von renommierten Orchestern. Beim genauen Hinschauen aber, und wenn man seine Lebensjahre überschlägt, erscheint es dürftiger, sodass die Frage im Raum steht, was er die ganze Zeit gemacht hat. Mehr als Komponieren denken viele, vielleicht Musikunterricht oder eigene Konzerttätigkeit. Ich aber weiss es besser. Es sind die Stunden am Klavier zwischen den Noten, die sein Leben ausmachen. Lange Stunden, in denen von aussen besehen, scheinbar nichts passiert, in denen er nur dasitzt und sinniert.

Von Johannes Aufführungen findet man Bilder im Internet, das Cleveland Orchestra oder die Bamberger Symphoniker, glanzvolle Bilder mit freudigem Publikum und zufriedenem Orchester. Die Pausen zwischen diesen Bildern sind lang und schmerzvoll. Für mich jedenfalls, weil ich ihm in seiner scheinbaren Untätigkeit zusehe. Manchmal erhält er Auftragsarbeiten, zum Beispiel für einen Sängerwettbewerb oder ein Jubiläum. Ob er mit all dem zufrieden ist, weiss ich eigentlich nicht.

Er verdankt dieses Leben mir, im Positiven wie im Negativen. Von meinem ersten grösseren Gehalt kauften wir den Steinway-Flügel und dann reichte das Geld eigentlich immer für ein Leben, wie wir es ­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­uns vorstellten. Jetzt stellen wir uns nicht mehr viel vor.

Mit Mitte Fünfzig haben wir alles gemacht, was uns einmal interessierte. Noch vor hundert Jahren wären wir eh nicht viel älter geworden, aber jetzt gilt es Zeit zu füllen, für die man als Mensch wenig Verwendung findet. Was soll man mit 20 Jahren tun, in denen man hauptsächlich hinfällig wird. Hätte man in der gewonnenen Lebenszeit die Vitalität eines Menschen zwischen 30 und 60, wäre das etwas anderes.

Noch bin ich voll eingespannt, aber nach einer dritten Legislaturperiode ist es Zeit die Fackel an eine Nachfolgerin abzugeben. Ich sehe bei meinen Vorgängern, was dann passiert. Entweder veröffentlichen sie Bücher, die für sie geschrieben wurden oder fallen in Untätigkeit zusammen.

Johannes und ich machen einfach weiter, auch wenn uns die Lust dazu fehlt. Skilaufen im Februar. Ostern am Gardasee, zum Ausspannen und Lesen. Wanderurlaub in den Bergen für die Fitness und noch eine Städtereise im Herbst. Dazu kommen meine Dienstreisen, auf die mich Johannes selten begleitet, weil er dann nicht arbeiten kann, denn dafür braucht er seinen eigenen Flügel. Manchmal fahren wir zu den Aufführungsorten seiner Konzerte.

Uns geht es einfach zu gut. Das Leben ist so komfortabel geworden, dass wir uns zu Tode langweilen, wenn wir uns nicht in absurde Freizeitbeschäftigungen wie Oldtimer sammeln oder Modelleisenbahnbau flüchten. Wann war das Leben am Befriedigsten? Als man mit Not überlebte und einige besondere Momente herausschinden konnte? Ein paar Feiern, etwas Kultur?

Ich reisse mich zusammen und verscheuche mein aus Wohlstand geborenes Selbstmitleid. First World Problems. Ich mag diesen Begriff.

Morgen werden wir das Krankenhaus besuchen. Johannes haben wir miteingeplant. Das macht sich gut. Allerdings hat er noch nicht wirklich ja gesagt.

Am Nachmittag findet ein Gespräch mit den Familienangehörigen statt. So etwas gehört zu meinen Stärken, und trug sicherlich auch zu meinem Wahlerfolg bei. Ich wirke ehrlich berührt und bin es wahrscheinlich auch. Ausserdem hat mich bisher mein ausgezeichnetes Einschätzungsvermögen nicht im Stich gelassen, vor allem was Menschen betrifft. Mein junger Referent Joseph ist exzellent. Intelligent, belesen und gebildet trifft er Entscheidungen selbst, wenn er sich deren sicher ist und fragt nach, wenn nötig. Wir sind ein klasse Team.

Ich blättere in meinem Dossier für den morgigen Tag. Den Kurzbeschreibungen der ersten Opfer kann ich mich nicht entziehen. Der Fahrer eines Müllfahrzeuges, zwei Mitarbeiter einer Mülldeponie, das Kind eines Müllmannes, 9 Jahre alt. Vier Tote. Wir tun alles, um weitere zu verhindern. Die Angehörigen reagierten auf unseren Vorschlag zu Hause zu bleiben positiv.

Noch kennen wir die Inkubationszeit nicht genau. Den besten Hinweis gibt uns eine Patientin, die sich bei einem Familienangehörigen angesteckt hat. Zwischen Auftreten der ersten Symptome bei beiden lagen 3 Tage, allerdings ist das nur die minimale Inkubationszeit, und sie könnte sich schon vor Auftreten der Symptome angesteckt haben, was wahrscheinlich ist, denn 3 Tage sind kurz. Bei vielen Infektionskrankheiten rechnen wir mit einem längeren Zeitraum. Hinsichtlich des Erregers tappen wir noch im Dunkeln, können also nicht auf Vergleichswerte ähnlicher Keime zurückgreifen.

Johannes verfolgt die Ereignisse mit erschrockener Distanz. Beim Essen fragt er mich aus, will aber nicht zu viel wissen, um sich nicht zu sehr zu ängstigen. Hier in unserem Haus fühlen wir uns beide sehr sicher. Da wir keine Kinder haben, sind unsere Aussenkontakte begrenzt. Es ist schon bemerkenswert, dass man im Verlauf des Lebens immer weniger Kontakte pflegt. Während meiner Studienzeit war mein Bekanntenkreis ausserordentlich gross. Einladungen, Feste, Konzert- und Ausstellungsbesuche, es gab keinen Tag, an dem nicht etwas lief. In meinem Alter habe ich natürlich noch viele berufliche Kontakte, aber privat begrenzen wir uns auf eine Handvoll Freunde und unsere Familie.

Den Haushalt übernimmt Johannes fast komplett. Er macht fast alle Putzarbeiten, die Einkäufe und kocht abends auch. Für die Böden kommt wöchentlich eine Putzfrau. Wir sind ein älteres Paar, da fällt nicht viel an, nicht viel Dreck und nicht viel Hausarbeit. Leben macht eben Dreck.

Johannes setzt sich neben mich auf das Sofa und greift nach meiner Hand. Er merkt wie angespannt ich bin. So sitzen wir eine ganze Weile schweigend nebeneinander. „Ich komme morgen nicht mit“, sagt er. Ich nicke. Johannes ist etwas hypochondrisch, aber jetzt gestehe ich ihm einen triftigen Grund zu. Es hat keinen Sinn ihn auch noch zu gefährden, obwohl es uns unterstützt hätte. Wir sprechen nicht viel von seiner Arbeit. Meist gebe ich die Themen vor und manchmal erklingt eines seiner Werke. Dann höre ich vieles wieder, über das wir gesprochen haben. Meine Ängste, Traurigkeit, Erfolge und Glück. Das erlebte Glück zitiert Johannes in seinen Werken, das finde ich schön, oft noch schöner als die eigentlichen Momente.

Wir hatten es lange Jahre gut miteinander. Nicht aufregend, aber gut. Ich war mehrfach in Versuchung gewesen, dies aufzugeben, weil ich Männer kennenlernte, die neu, interessant oder einfach sexy waren. Heute bin ich froh, das nicht getan zu haben. Macht macht attraktiv, auch Frauen, aber vor allem für Männer, die einen Halt suchen.

Johannes und ich lernten uns als Studenten kennen, als gleich unwichtige Personen. Da konnte man sicher sein, dass es um einen selbst ging und man nicht der Ersatz für etwas war.

„Ich fange an, ans Sterben zu denken.“ Johannes spricht nicht viel, aber oft Sätze, die ungeflügelt und eisenschwer daher kommen. Als wir jünger waren, litt ich darunter und wünschte mir mehr Leichtigkeit des Seins. „Ich überlege, wie oft wir noch Weihnachten feiern, an wie viele Orte auf der Welt wir fahren können, welche Bücher ich noch lesen möchte, all das kommt mir in den Sinn.“ Was soll ich darauf sagen. Es war wahr, unerträglich und am besten lenkte man sich ab, um nicht an den Tod zu denken. Ich habe nie verstanden, wieso man den Tod ins Leben integrieren soll. „Lass uns jeden Augenblick geniessen.“ „Für mich haben die Augenblicke einen bedrohlichen Nachgeschmack.“ Johannes ist nicht zu trösten, ich merke das und drücke seine Hand. „Welche Stücke kann ich noch schreiben, ist das überhaupt wichtig?“ „Deine Stücke wird man noch lange spielen.“

Er trägt bunte Socken und Pullover mit rundem Ausschnitt, immer schon. Einzig sein Gesicht hat sich über die Jahre geändert. Die Haut ist blasser geworden, die Falten tiefer, die blauen Augen wässriger, die feingliedrigen schmalen Hände noch feiner. Es ist als würde seine Erscheinung langsam verblassen. Ich stelle mir vor, dass ich irgendwann durch ihn hindurchsehen könnte.

Er setzt sich ans Klavier, spielt mit der rechten Hand eine Melodie und wiederholt sie auf mehreren Stufen. Dann nimmt er die linke Hand dazu und begleitet das Lied mit Akkorden, die kaum noch dissonant wie noch vor wenigen Monaten sind, sondern altertümlich harmonisch. Es ist sehr schön ihm zuzuhören. Ich möchte nicht, dass er aufhört, schliesse die Augen und folge seinen Gedanken.

Auf einmal steht er auf und klappt den Deckel des Flügels zu. „Wir haben noch nicht gegessen.“ Ich folge ihm in die Küche. Wir haben einen der grössten Räume zu unserer Küche gemacht. Das Herdfeuer, um das wir alle gerne sitzen. In der Mitte befindet sich ein grosser Vollholztisch aus Eiche, an dem ich oft meinen Laptop aufklappe und arbeite, während Johannes sich in die Zeitung vertieft und Kaffee trinkt.

Er öffnet den Kühlschrank und zögert. Kürbissuppe, oder Käse mit Weissbrot oder einen Salat? Suppe und Käse ist mein bevorzugtes Abendessen. Gemeinsam und schweigend schnippeln wir den Kürbis. Johannes schenkt uns ein Glas Wein ein. Ich lege die Füsse auf einen Stuhl, nippe an meinem Wein und schneide mir ein Stück Käse ab. Comté gehört zu meinen Lieblingskäsen; Johannes bevorzugt Brie de Meaux. Wir löffeln schweigend unsere Suppe. In Gedanken schweife ich zum morgigen Tag ab. Ich muss mir noch die Nachrichtensendungen heute Abend und morgen früh anschauen. Johannes will ich damit nicht behelligen, und ich werde warten bis er ins Bett gegangen ist. Das machen wir häufig. Bis zehn Familienleben und dann tauche ich noch einmal in meine Welt ab.

Ich frage mich öfters, was geworden wäre, wenn wir Kinder hätten. Die Prioritäten wären andere. Sorgen können einen auffressen. Ich sehe das bei meinem Bruder. Wenn eines der Kinder ernsthaft erkrankte, war alles andere zweitranging. Man existiert in einem Mikrokosmos von unzähligen Abhängigkeiten. Jede Handlung hat Auswirkungen, die sich wie ein Steinwurf im Wasser wellenförmig ausbreiten. Johannes und ich leben ziemlich eindimensional. Zwei Monaden, die sich berühren. Ich vermisse nichts, nicht die Sorgen und nicht das Glück und manchmal denke ich, dass die Traurigkeit im Leben überwiegt. Wenn man keine Kinder hat, unterbricht man diesen Kreislauf der Traurigkeit, der so anstrengend ist.

 


 

6.

Winter scheint es dieses Jahr nicht mehr zu werden. Die Amseln pfeifen wie im März. Es ist bereits Mitte Dezember, und bisher hatten wir noch keinen Schnee. Der Morgen deutet sich mit einem Lichtstreif am Horizont an.

Ich lasse mich in den Sitz sinken und betrachte wechselweise die Nachrichten auf meinem Smartphone und die Aussenwelt, die an mir wie ein Kinofilm vorbeizieht.

Öffentliche Verkehrsmittel sind für mich nicht mehr erlaubt. Die kritischen Ressourcen müssen geschützt werden. Bei meiner Arbeitsbelastung hätte ich schon von Beginn meiner Amtszeit eine Limousine mit Fahrer in Anspruch nehmen können. Politisch war mir das nicht opportun erschienen. Jetzt allerdings ist es an der Zeit, sich von politischer Korrektheit nicht mehr beeinflussen zu lassen; ich habe Wichtigeres zu tun.

Der Fahrer schaut ab und an in den Rückspiegel, fragt ob die Wagentemperatur angenehm sei und schweigt ansonsten. Wahrscheinlich würde er sich in ein Gespräch verwickeln lassen, wenn ich es begänne.

Es ist schon weitaus bequemer sich fahren zu lassen, als an windigen Bushaltestellen zu warten. Bereits nach dem Einsteigen bekomme ich einen ersten Espresso serviert, zusammen mit den wichtigsten Tageszeitungen. Beim Aussteigen frage ich mich, warum ich diesen Service nicht schon früher genutzt habe. Manchmal ist Bescheidenheit auch nur eine Form der Eitelkeit.

Joseph wartet bereits am Eingang auf mich. Auf dem Weg zum War Room bringt er mich auf den neuesten Stand. Wieder zwei Tote mehr und zahlreiche Erkrankte. Erste besorgte Stimmen fragen, ob die Krankenhausbetten ausreichen werden. Als wir eintreten, beachtet uns niemand. Alle sind am Telefonhörer oder tippen konzentriert auf ihrer Tastatur. Erst als ich den Sitzungsraum betrete, folgen mir Brigitte und zwei der bereits anwesenden Minister.

Wir gehen noch einmal unsere Massnahmen durch, besprechen das Für und Wider, beleuchten mögliche Argumente und Gegenargumente. Nach etwa einer Stunde schaut meine Sekretärin Marie zur Tür herein und macht uns ein Zeichen, dass es Zeit sei zu gehen. Mit ihr arbeite ich ebenfalls seit Jahren zusammen. Ich stellte sie ein, als sie noch jung und unerfahren war, genauso wie ich, erlebte, wie sie ihren Mann kennenlernte, heiratete und Kinder bekam und nach der Scheidung wieder ihr Leben neu ordnete. Obwohl nie richtig nahe, sind wir uns sehr vertraut. Sie würde über mich wahrscheinlich Ähnliches sagen.

Jetzt sitzen Joseph und ich auf dem Rücksitz des Wagens. Der Fahrer hat die Wartezeit genutzt einen Kaffee im Personalrestaurant zu trinken. Höflich, gepflegt und unauffällig, das sind die Eigenschaften, die ein Fahrer erfüllen muss, immer im Anzug, auch wenn seine Gäste sich in lockerer Freizeitkleidung auf den Rücksitzen fläzen.

Der Weg zum Krankenhaus ist kurz, aber der Verkehr dicht. Mehr und mehr Menschen meiden den öffentlichen Nahverkehr, fahren im eigenen Auto bestellen alles Notwendige per Internet und bleiben Kulturveranstaltungen fern. Wir reden jetzt nicht mehr miteinander. Jeder hängt seinen Gedanken nach und konzentriert sich. Die Fakten müssen sitzen, aber im Endeffekt kommt es auf unsere Spontanität, Kreativität und Schlagfertigkeit an. Man kann sich auch zu gut vorbereiten und ist dann nicht mehr in der Lage auf sein Gegenüber einzugehen.

Am Krankenhaus wartet die Journalistenmeute und hält uns Mikrofone unter die Nase. Ich bemerke kurz, dass wir Krankenbesuche machen und weitergehende Informationen an unseren Presskonferenzen zu bekommen seien, die mittlerweile täglich stattfinden. Zehn Minuten sitzen wir mit den behandelnden Ärzten zusammen, die uns briefen.

Wir haben keinen direkten Zugang zu den Patienten, können aber über eine Mikrofonanlage mit den Erkrankten sprechen. Das Pflegepersonal trägt Schutzanzüge, wenn es am Krankenbett benötigt wird. Ich merke, wie selbst die banalen Fragen nach dem Befinden, den Menschen gut tun. Es ist wichtig Interesse zu zeigen, weil das die Hoffnung nährt, dass sie noch nicht aufgegeben worden sind.

Manche sind schon sehr schwach und quälen sich merklich, bemühen sich aber trotzdem um ein Lächeln.

Vor einigen Jahren verabschiedeten wir ein Gesetz zur Sterbehilfe und damals wie auch heute bin ich der Meinung, dass wir Gesunden die Hinfälligkeit und Todesnähe nicht aushalten und deshalb über Sterbehilfe nachdenken, nicht aber, weil die Sterbenden dies einfordern.

Einer meiner Jugendfreunde starb an einem Gehirntumor. Ich besuchte ihn etwa alle zwei Wochen im Krankenhaus, kurz nur, für etwa eine halbe Stunde, mehr strengte ihn an und überforderte mich, und er dämmerte dann auch nach kurzer Zeit immer weg. Ich brauchte jedes Mal Stunden, um mich von diesem Anblick, dieser Situation zu erholen, so schmerzlich, so ängstigend war sie, so gnadenlos der Verlauf des Zerfalles.

Am Anfang machten sich nur kleine Nachlässigkeiten beim Sprechen bemerkbar, nach mehreren Monaten war kein Sprechen mehr möglich, und er verständigte sich durch Zeigen auf eine Buchstabentafel und nickte erfreut, wenn ich die Worte mehr oder weniger schnell erriet. Er bestand darauf, wenn möglich wiederbelebt zu werden, um noch möglichst viel von diesem Leben, dem Leben seines Kindes und seiner Frau mitzubekommen.

Einige der Menschen, die mir jetzt zaghaft zulächeln, werden die nächsten Tage nicht überleben und während sie sich auf den Kampf ums Überleben konzentrieren, sind die Angehörigen dem Schmerz des möglichen Verlustes ausgesetzt.

Den Gesprächen mit ihnen sehe ich mit noch grösserem Respekt entgegen als den Krankenbesuchen. Wir werden erklären müssen, was wir tun und was wir tun können. Machtlosigkeit ist keine Alternative.

Zunächst einmal essen wir in der Kantine in einem separaten Raum zu Mittag. Keiner spricht. Wir wissen, dass dies nur der Anfang ist. Ich rufe Dorfmann-Klaus an, um zu erfahren, ob wir den Erreger schon kennen. Er macht mir Hoffnung, dass wir in Kürze dazu etwas sagen können.

Joseph erfährt per Handy, wie es in den anderen Krankenhäusern aussieht. Die Gesundheitsministerin gibt durch, dass wir ausreichend antivirale Medikamente haben, auch wenn deren Nutzen nicht belegt ist. Dazwischen schiebe ich einige Löffel Nudeln mit Pilzsosse und Blumenkohl hinein. Der Kaffee danach ist immer wichtig, gerne auch mit etwas Süssem.

Für das Gespräch mit den Angehörigen werden wir in einen kleinen Seminarraum geführt. Angsterfüllte Blicke sind auf uns gerichtet, und wir werden nicht aus den Augen gelassen, jede Geste entweder im Sinne von Hoffnung oder als Todesurteil interpretiert. Ich weise noch einmal daraufhin, dass wir mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln an Schutzmassnahmen und Behandlungskonzepten arbeiten und bedanke mich, dass viele von ihnen zunächst einmal zu Hause bleiben. Ich schüttele viele Hände; auch das ist wichtig. Nachher werde ich sie minutenlang desinfizieren.

Während die persönlichen Berichte noch meine ganze Konzentration erfordern, sendet mir meine Pressechefin die ersten Schlagzeilen der Onlinemedien. Die Opposition hat ebenfalls zur Pressekonferenz eingeladen. Man wirft mir Hilflosigkeit und konfuses Krisenmanagement vor und behauptet, dass der Krankenhausbesuch eine blosse PR Aktion sei. Das übliche, nichts was mir wirklich Sorgen bereitet. Die Wahlen liegen erst ein Jahr zurück und diese Scharmützel sind unbedeutend. Ich muss zugeben, dass das Foto unvorteilhaft ist, und das Lächeln als Unsicherheit interpretiert werden könnte.

Im Auto lese ich die Artikel genauer. Die Andeutungen zu den Müllhalden lassen mich stutzen. Dort hat alles seinen Ursprung und wir sind natürlich verantwortlich für den ordnungsgerechten Betrieb. Sie recherchieren, bohren und vermuten. Was ist passiert, dass dies uns jetzt trifft. Ich wollte, ich hätte meinen Wahlkampfmanager an der Seite, der mir immer die geeigneten Paraden empfohlen hat, aber vor kurzem ist er zur nächsten Kampagne weitergezogen.

Joseph ist ein ausgezeichneter Assistent, aber in Sachen Intrigen und Finten reichlich unerfahren, wenn nicht sogar naiv. „Joseph, was wissen wir von den Müllhalden?“  Er blättert in seinen Unterlagen, dabei hat er immer alles im Kopf. „Sie suchen noch, das ist eine Nadel im Steckhaufen. Wir wissen ja nicht, nach was wir suchen sollen. Wenn der Keim bekannt wäre, könnten wir zielgerichteter nachforschen. Im Prinzip versuchen sie herauszufinden, mit was die Leute direkten Kontakt hatten.“

Der Prediger setzt sich in Szene und hebt warnend die Hände. Dieses Bild ist in fast allen Medien abgebildet worden. Die Wahlen hatte er verloren, aber jetzt kommt er zurück, weil das Weltende anzukündigen ist. Manche Menschen und vor allem manche Politiker blühen bei Katastrophen regelrecht auf. Man kann mit wenig Konkretem viel erreichen.

Unsere Mitbürger hängen an den online Medien. Jede neue Nachricht wird sogleich abgerufen. Neue Erkenntnisse, aber auch Vermutungen zahlreich kommentiert. Wenn es so schlimm wird, wie manche vermuten, stehen wir wirklich am Rande einer Katastrophe.

Johannes hat mir eine SMS geschickt, dass unsere Putzfrau nicht mehr kommt und der Lebensmittelladen an der Ecke wegen Krankheit geschlossen ist. Jäger und Dorfmann-Klaus senden alle paar Stunden eine Nachricht, dass sie immer noch nichts Neues wissen. Weltweit sind Forschungslabore eingeschaltet, um uns zu helfen. Lokale Gefahren gibt es nicht mehr.

Ich werde den Prediger noch einmal treffen müssen, sonst wird er keine Ruhe geben. Schulterschluss im Anblick der Gefahr. Das wirkt gut. „Joseph.“ Er antwortet nicht, zu versunken ist er in seine Nachrichten. Als er schliesslich aufschaut, zucken seine Mundwinkel. „Wir brauchen noch einen Termin mit dem Prediger.“ So nennen nur Joseph und ich ihn. Ich muss aufpassen, dass mir das nicht bei anderen Gelegenheiten herausrutscht. Eigentlich heisst er Karl Günther.

Joseph nickt nur. Dann sagt er: „Meine Schwester ist krank.“ Ich greife nach seiner Hand. „Es kann in dieser Jahreszeitauch eine einfache Grippe sein.“ Ich weiss, dass das ein halbherziger Trost ist, und Joseph nicht beruhigt. „Ich brauche Sie jetzt.“ Joseph nickt wieder. „Sie ist schon im Krankenhaus.“ Ich weiss nicht, wo Josephs Schwester lebt, ich weiss sowieso nicht viel über ihn. Über unsere gemeinsame Arbeit wissen wir alles.

Joseph fährt sich durch die Haare, trinkt einen Schluck aus der Wasserflasche und wählt die Nummer des Predigers. Er muss kaum mit der Assistentin verhandeln, dann hat er ihn am Telefon, das er mir weiterreicht.

„Ich habe schon auf Deinen Anruf gewartet.“ „Ich hatte es auch schon den ganzen Tag vor“, lüge ich, „aber die letzten Stunden waren unglaublich hektisch. Wir müssen uns noch einmal treffen.“ Der Prediger schweigt. Ich weiss, was er denkt. Sobald man Verantwortung übernimmt, kann man auch zur Rechenschaft gezogen werden. Aber ihm bleibt keine andere Wahl. „Ja, das müssen wir“, sagt er.

Mein Telefon klingelt. Der Name von Dorfmann-Klaus erscheint auf dem Display. Das kann wichtig sein, muss aber jetzt warten. Vielleicht hat er etwas herausgefunden. Direkt danach ruft Heintz an. Das lässt nichts Gutes ahnen. Ich drücke ihn ebenfalls weg.

7.

Zurück im Büro fange ich mit Heintz an. Er druckst herum, was sonst nicht seine Art ist. „Es ging nicht anders“, ist sein erster Satz. Ich ahne, was jetzt kommen wird und habe nicht vor es ihm leichter zu machen. „Wir mussten Kontrollpunkte errichten.“ Ich weiss, dass Kontrollpunkte nicht die richtige Beschreibung für das ist, was er gerade dabei ist zu tun. Ich schweige weiter. Er ebenfalls, aber dann redet er. „Wir haben dieses Kontrollpunktesystem grossräumig um den Bereich gelegt, in dem Erkrankte zu beobachten sind. Es ist nicht nur Ihr Regierungsbezirk.“ Als würde mich das trösten. „Wir sind gerade dabei die Kontrollpunkte dicht zu machen.“ Es wäre ja auch zu viel verlangt gewesen mich vorab zu informieren. In solchen Situation gibt es keine Parteiloyalität, keine Loyalität der Verantwortungsträger mehr. Nur noch wir oder sie. Und sie wollen überleben, mit oder ohne uns.

Das Ganze erinnert mich an Bilder vom Mauerbau. Ich kann mich selbst nicht wirklich daran erinnern, weil ich zu jung war. Aber die nachträglich angeschauten Bilder hinterliessen einen solchen Eindruck bei mir, als wäre ich selbst dabei gewesen. Schweigend beobachtende Menschen, eine zaghaft erhobene Hand, die über die Mauer hinweg Menschen zuwinkt, die an einem geöffneten Fenster stehen. Niemand erahnte damals, wie lange diese Trennung andauern würde. Wir wissen ebenfalls nicht, was auf uns zukommt. Über WhatsApp erreichen mich erste Fotos. Militär richtet Schlagbäume auf und sperrt freie Fluren mit Natodraht ab. Sie müssen das von langer Hand geplant haben, so schnell und geordnet wie das durchgeführt wird. Von langer Hand geplant und nichts war durchgesickert. Chapeau.

Weil es Sonntag ist, sind wenige Autos unterwegs, aber hinter den Schlagbäumen haben sich schon Schlagen gebildet. Die Menschen steigen aus, schauen auf die neu errichtete Grenze und gestikulieren. Militärs nähern sich ihnen nicht, sondern sprechen über Megafone. Ansteckungsgefahr. Auf einigen Bildern richten sie Waffen auf die Wartenden. Mittlerweile sehe ich zahlreiche Anrufe auf meinem Handy. Ich lehne sie mit der Nachricht ‚in einem Gespräch‘ ab.

Ich werde eine Stellungnahme abgeben müssen, das erwarten jetzt alle. Heintz hat gesagt, dass ich mich zuerst äussern kann, bevor andere Politiker sich auf das Thema stürzen werden. Sie tun so, als würden sie mir einen Gefallen tun, Vorrang einräumen, aber in Wirklichkeit kann ich nur Fehler machen, und alle werden mich anschliessend verreissen, scheinbar in Schutz nehmen und dann doch verreissen, Mitleid äussern, was besonders schlimm ist, oder nachsichtiges Verständnis, ebenfalls fürchterlich. Kurz gesagt, ich bin politisch tot. Das Ganze wird zu einem grossen Finale meiner Karriere werden, über deren Ende ich bereits nachgedacht habe, aber eben nicht so. Sich zurückziehen als Elder Stateswomen, ab und zu schlaue Sätze in Interviews zu aktuellen Situationen sagen, vielleicht doch ein Buch schreiben, Vorträge halten, hoch geehrt und geschätzt. Damit ist es wohl aus. Nach dieser Nummer würde ich meinen Namen ändern müssen. Jeder mögliche Fehler wartet darauf gemacht zu werden, mit unvermeidbaren Konsequenzen.

Ich habe mich nie gescheut Verantwortung zu übernehmen, aber jetzt wäre ich am liebsten ein Niemand, würde mich verkriechen. Meine Pressechefin ruft an und sagt nur kurz, dass wir uns direkt im Aufnahmestudio treffen. Sie wird schon an einem Statement feilen und ich habe während der zwanzig Minuten bis zum Studio noch Zeit über meine Strategie nachzudenken. Wenn ich zugebe, dass mich die Ereignisse überrollt haben, verlieren meine Bürger jegliches Vertrauen in mich. Stattdessen werde ich sagen, dass dies eine gemeinsame Entscheidung gewesen sei, und ich zum Schutz der Bevölkerung dazu habe schweigen müssen. Dass wir alle notwendige Unterstützung von aussen bekommen werden, Nahrungsmittel, medizinisch notwendige Dinge, dass sich Ärzte bereits freiwillig gemeldet hätten zu uns zu kommen. Das ist gelogen, würde aber meine Parteifreunde dort draussen unter Druck setzen. Eine Rache meinerseits, die hier gut ankäme. Ich diskutiere mit Joseph meine Ideen, und er findet sie gut. Zu ihm habe ich Vertrauen. Wenn etwas Mist ist, sagt er mir das auch. Wir rollen in die Tiefgarage des Senders, und ich hoffe, dass keiner der Blogger oder Onlinejournalisten mir hier unten auflauert. Aber vielleicht waren wir wirklich einmal schneller, und alle befinden sich noch in Schockstarre.

Der Securitymann steht an der Aufzugstür, und wir huschen hinüber. Tiefgaragen sind nach Raststätten das Trostloseste, was ich kenne. Grau, dunkel, menschenleer oder mit scheuen Gestalten bevölkert, die misstrauisch umherschauen, weil sie Angst haben und andere ängstlich beäugen. Jeder des anderen Feind. Handtaschenräuber und Vergewaltiger tummeln sich in den Köpfen der Tiefgaragenbesucher und lassen die Blicke vergrauen.

Der Aufzug bringt uns schnell nach oben. Der Securitymann hält seinen Blick starr nach oben gerichtet. Joseph schaut auf den Boden, und ich schliesse kurz die Augen. Wir werden noch einmal zwanzig Minuten mit meiner Pressechefin haben, bevor ich für 5 Minuten vor die Kamera treten muss. In Krisensituation werden nur kurze direktive Statements abgegeben. Je kürzer, desto besser, das gibt Sicherheit. Ich werde mein Statement mit der Selbstverpflichtung beenden, dass weitere Information sobald wie möglich folgen werden. Ich bin das gewöhnt. Ich kann das.

Mein Handy summt. Ich habe jetzt eigentlich keine Zeit, aber ich will natürlich wissen, wer anruft. Es ist Johannes. Ich zögere. Seine Stimme würde mir gut tun, und er ist sicherlich beunruhigt. Mit einer Politikerin verheiratet zu sein, heisst nicht unbedingt gut informiert zu sein, vor allem nicht, wenn man als Musiker in völlig anderen Welten lebt. „Sophie“, sagt er und dann macht er eine Pause. Ich weiss, was er denkt, nach so vielen Jahren, weiss man immer, was einer denkt. „Ich habe das nicht gewusst.“ Er schweigt weiter, aber ich weiss, dass er mir glaubt. „Was machen wir jetzt?“ Er wirkt so ratlos, so hilflos, und dieses Wir schliesst alles ein, uns beide, die Bewohner unserer Stadt, die Erkrankten, die Menschen, die Welt, das Sein. Alles, was mit Wir gemeint ist, steht vor einem schwarzen Loch, ein unglaubliches Gefühl des Verlassenseins, das sich hohl und leer in uns ausbreitet. Ein schwarzes Loch in uns, das alle Energie aufsaugt.

Die Aufzugtür geht auf und ich sehe schon meine Pressechefin warten. „Ich muss jetzt“, stammele ich noch ins Telefon, dann lege ich auf. Brigitte hat ein Klemmbrett in der Hand und zieht mich am Ellbogen in eine Ecke. „Wir haben noch ein paar Minuten. Was hast Du vor zu sagen?“ Eigentlich würde ich meine Ratlosigkeit und Traurigkeit gerne in die Welt schreien, aber das Recht das zu tun, habe ich schon vor langer Zeit abgegeben. Ich muss denen, die mich gewählt haben, ein kleines bisschen Hoffnung zurückgeben.

„Wir haben das entschieden, weil wir die weitere Ausbreitung stoppen müssen, nur so können wir sicherstellen, dass die bereits Erkrankten ausreichend versorgt werden und alle vorhandenen Mittel konzentriert eingesetzt werden können. Wir sind nicht allein. Unser Land steht uns bei. Zusätzliche Ärzte und Pflegepersonal werden bei uns eingesetzt werden. Es haben sich bereits Freiwillige gemeldet. So in der Art. Ist das OK? “Stimmt das denn?” Auch sie kennt mich bereits sehr gut. „Nein, aber ihnen wird nach diesem Statement nichts anderes übrig bleiben, als das zu tun. Was sie können, können wir auch.“ Sie lächelt ein bisschen und schiebt mich in Richtung Studio. „Sehr gut. So machen wir das.“ Der Gebrauch des Wir scheint zuzunehmen. Wir sind wieder wer, hiess es einmal. Wir müssen zusammenhalten, plötzlich brauchen wir uns wieder.

Annegret Taylor steht auf, als ich den Raum betrete. Sie schüttelt mir freundlich die Hand. Ihre kritischen Fragen trieben mir schon manches Mal den Schweiss auf die Stirn. Meine Schlagfertigkeit wird gefragt sein. Vor mir huscht die Maskenbildnerin mit einer Puderquaste auf und ab. Wie man in dieser Situation an speckig glänzende Nasen denken kann, ist mir schleierhaft, aber ich füge mich wie immer. Zwei Sessel stehen sich gegenüber, ich nehme Platz, die grelle Beleuchtung lässt mich schwitzen. Der Puder war vielleicht doch keine so schlechte Idee. Annegret nimmt mir gegenüber Platz. Irgendwann einmal erzählte sie mir, wie sie an ihren englischen Namen gekommen ist. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob es der Vater, die Mutter oder der Ehemann waren, die ihr dazu verhalfen. Macht sich aber nicht schlecht in der Medienwelt. An was denke ich eigentlich, ich sollte mich konzentrieren. Annegret nickt mir zu. Wir sind auf Sendung. Ich atme noch einmal tief durch, das hilft immer, und Adrenalin unterstützt die Konzentration.

„Frau Sanders, wir sind heute alle von den Bildern an unserer neuen Grenze überrascht worden. Sie auch?“ In mir breitet sich Erleichterung aus. Das Stichwort habe ich gebraucht. „Guten Abend zusammen. Nein, diese Massnahme haben wir auf höchster Regierungsebene gemeinsam geplant. Ich weiss, dass dies für alle unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger erst einmal erschreckend ist und bei den älteren unter uns sehr unangenehme Erinnerungen wachruft. Wir müssen sicherstellen, dass sich die Epidemie nicht weiter ausbreitet. Nur so können wir erreichen, dass hier bei uns alle Erkrankten ausreichend versorgt werden, und die medizinischen Ressourcen unseres Landes hier bei uns zum Einsatz kommen. Wir werden jetzt noch Ärzte und Pflegekräfte aus anderen Landesteilen erhalten und die Bundeswehr baut mobile Hospitäler auf. Wenn sich die Erkrankung in unserem Land noch in weiteren Landesteilen ausgebreitet hätte, wäre diese nicht in dem Masse möglich gewesen, wie es jetzt geschehen wird. Ich bitte deshalb alle diese Massnahmen mit Verständnis anzunehmen.“ „Und eine Vorinformation der Bevölkerung war nicht möglich?“ „Nein, unsere Lage ist sowieso sehr schwierig, es wäre für die Sicherheitskräfte weitaus schwieriger gewesen, die Grenzen zu errichten.“ „Was sagen Sie den Menschen, die sich jetzt hier bei uns alleingelassen fühlen?“

Ich richte meinen Blick voll in die Kamera, ich weiss ich wirke ehrlich, und ich bin es auch, meistens. Interessant, wie sich der Begriff der Ehrlichkeit verändern kann. „Wir tun alles Menschenmögliche, um die Epidemie einzudämmen. Tun Sie auch das Ihre dazu. Unterstützen sie alle Massnahmen, meiden sie Menschenansammlungen, folgen sie den Anweisungen. Gemeinsam werden wir das schaffen.“ „Wann werden wir mehr erfahren?“ „Ich verspreche, dass wir regelmässig informieren werden, genauso wie wir das bisher getan haben. Sie können die neuesten Informationen täglich auf der dafür eingerichteten Webseite abfragen. Täglich werden wir auch eine Pressekonferenz abhalten. Ich weiss, es sind schwere Zeiten, für uns alle.“ Annegret nickt.

Wir sind nicht mehr auf Sendung. Wir stehen uns beide gegenüber. „Heute habe ich Sie geschont, das wissen Sie.“ Ich schaue ihr direkt in die Augen. Nennt man das Frauensolidarität? „Ich komme wieder“, und lächle. Draussen klopft mir Brigitte auf die Schulter. Joseph steht hinter ihr und nickt und deutet dann aufs Telefon. „Dorfmann-Klaus, es ist dringend.“


 

2/8. Martina

Mein kleiner Bruder Joseph steht im Rampenlicht. Wann immer ich den Fernseher anschalte, sehe ich Joseph an der Seite von Sophie Sanders. Immer einen Schritt hinter ihr, immer in ihrer Nähe.

Wenn man jemanden von klein auf kennt, traut man ihm manchmal zu wenig zu. So ging es mir mit Joseph. Seinen Studienwunsch Politikwissenschaften belächelten wir alle nur, nahmen ihn aber hin, weil wir eh nicht viel von ihm erwarteten. Mein Bruder Johannes ist Ingenieur und ich Meeresbiologin. Wir waren es deren Meinungen bis vor kurzem in der Familie zählte. Jetzt schauen wir auf Joseph. Ich gönne es ihm, meistens.

Vor kurzem war ich sehr froh gewesen, die Schwester von Joseph zu sein. Es fing mit den üblichen Erkältungssymptomen an, Fieber, Abgeschlagenheit, Muskelschmerzen und Kopfschmerzen. Ich war die Schwester von Joseph und wurde sofort im Krankenhaus aufgenommen. Jemand anderes hätte erst einmal zu Hause abwarten müssen. Es hätte ja auch eine banale Erkältung oder eine weniger banale, aber immer noch nicht besorgniserregende Grippe sein können.

Nach drei Tagen war klar, dass ich mir wirklich nur einen normalen Infekt eingefangen hatte und konnte wieder nach Hause gehen. Joseph war stolz gewesen, mir geholfen zu haben.

Ich hatte ein klein wenig ein schlechtes Gewissen, was war das anderes als Korruption, aber wenn es um das eigene Überleben geht, fühlt sich Korruption nicht mehr so schlimm an. Joseph beruhigte mich: „Wenn ich nicht mehr arbeiten kann, weil es Dir schlecht geht, wird die ganze Arbeit für die Bekämpfung der Seuche in Mitleidenschaft gezogen.“ Joseph war plötzlich wer. Wer hätte das gedacht. Als grosse Schwester bin ich natürlich stolz und schmarotze gefühlsmässig an seinem Erfolg.

Jetzt sitze ich vor dem Fernseher und versuche die Bilder zu verdauen. Wir stecken wirklich in der Scheisse. Die Grenzen sind zu. Ob wir Hilfe bekommen, glaube ich noch nicht ganz. Zumachen und warten, dass sich die Seuche austobt. Ich vermute, dass das deren Strategie ist. Nach der Ansage von Sanders zeigen sie Interviews mit Leuten, die von der Schliessung überrascht wurden, auf Durchreise waren und jetzt eine Unterschlupf suchen müssen, manche finden den bei Freunden und Bekannten.

Die menschlichen Geschichten unterhalten uns, benebeln unser Bewusstsein, sodass wir gar nicht merken, wie wir verarscht werden. Die Sanders wirkt wie immer souverän. Als Joseph bei ihr anfing, studierte ich ihre Biografie, eine Kämpferin, die sich in Zeiten hochschaffte, als Frauen noch nichts zu melden hatten.

Ich zappe durch die Programme. Überall das Gleiche. Interviews mit Leuten, die dadurch interessant sind, dass ihnen etwas zugestossen ist. Nach der Sanders äussern sich andere Politiker, die alle dasselbe sagen. Nämlich nichts.

Ich gehe auf die Webseite meines Instituts. Noch sind wir alle aufgefordert zur Arbeit zu kommen, aber man hat uns gesagt, jeden Tag die Webseite zu checken. Wer interessiert sich jetzt noch für Meeresbiologie. Die Augen der Welt sind auf die virologischen Labors gerichtet.

Ich forsche an Kaltwasserkorallen. Schon allein jemandem zu erklären, dass es in den nördlichen Meeren irgendwo da unten in der Tiefe ohne Licht Korallen gibt, ruft in der Regel gerunzelte Augenbrauen und kaum Interesse hervor.

Aber wir tun, was wir tun und das immer weiter, weil sich uns irgendwann einmal der Sinn dieser Tätigkeit erschloss, auch wenn wir ihn auf unserem Weg in die Fachlichkeit verloren haben. Ich schalte den Fernseher aus. Ahmet steht in der Tür und schaut mich fragend an. „Wir können ihn heute Abend einmal anrufen.“

Ahmet und ich sind schon lange Paar. Wir lernten uns an der Uni kennen. Ahmet ist Ingenieur. Wir liefen uns einige Male über den Weg, bevor wir uns wirklich wahrnahmen. Ahmet war der Studienkollege eines Freundes einer Freundin. Auf mehreren Parties waren wir gemeinsam eingeladen, ohne uns zu unterhalten und ohne uns füreinander zu interessieren. Den Freund meiner Freundin mochte ich nicht besonders, Ingenieure sind mir oft zu organisiert und langweilig. Aber sie verdienen natürlich schnell ausreichend Geld, was bei uns Biologen nicht unbedingt der Fall ist.

Mein Job ist eigentlich ein Glücksfall. Wahrscheinlich fliessen Mittel für die Tiefseeforschung nur deshalb, weil noch unentdeckte Rohstoffe reiche Gewinne versprechen könnten.

Ahmet ist nicht langweilig. Irgendwann sassen wir uns zufällig in der Mensa gegenüber und kamen ins Plaudern. Das können wir beide gut. Und dann lachten wir und kicherten und kochten schliesslich zusammen. Menschen, die nicht gerne kochen und essen, sind mir suspekt. Der Freund meiner Freundin schaufelt sich an den meisten Abenden Käsebrote hinein und futtert kurz vor Mitternacht dann meist noch eine Portion Eiscreme. Wie solche Nächte enden mag ich mir nicht vorstellen.

Ahmet lässt sich neben mich aufs Sofa fallen. „Die isolieren uns komplett.“ Joseph wird dicht halten, davon bin ich überzeugt. Er zeigt eine unglaubliche Loyalität gegenüber dieser Sanders. „Ob die etwas miteinander haben?“ Ahmet schaut mich erstaunt an, er kann meinem Gedankensprung nicht folgen. „Die Sanders und der Joseph?“ Er schaut mich noch ungläubiger an. Die ältere Frau und der junge Assistent. Heute ist alles möglich. Aber ich traue es Joseph doch eher nicht zu, dazu ist er zu konventionell. Sie hat ihm eine Chance gegeben, das ist alles.

Ahmet ist so muslimisch wie ich katholisch. Schweinfleisch mag er trotzdem nicht, Wein hingegen sehr. Er giesst uns ein Glas Wein ein. Ich mag lieber Weisswein. Aber jetzt schmeckt mir sogar dieser schwere Rotwein.

Wir zappen weiter und halten uns an den Händen. Dann bleiben wir an einem Bericht über eine Demonstration hängen. Bisher haben wir das eigentlich nicht ernst genommen. Rechte Spinner. Aber im schlimmsten Fall hauen wir ab. „Muslime ‘raus“ Slogans auf den Transparenten. Gegendemonstranten. Wir fühlten uns nie einer Gruppe zugehörig. Das übernehmen jetzt andere für uns.

Manchmal schalten wir den Ton bei diesen Sendungen ab und erfinden die Stimmen und Sprüche zu den Bildern. Dazu haben wir jetzt aber auch keine Lust mehr.

Die Sanders macht mir Angst. Was werden sie jetzt tun, um alles unter Kontrolle zu halten. Ahmet geht in die Küche, um zu kochen. Kochen und essen beruhigt. Noch haben wir keine Versorgungsprobleme, und nach den Berichten soll es auch keine geben. Alle wollen uns helfen.

Die Lastwagen rollen bis zur Grenze in eine Art Niemandsland. Dann verlassen die Chauffeure ihr Fahrzeuge. Sie werden von Menschen in Schutzanzügen und Atemmasken aus unserer Zone, der Schutzzone, entladen. Dann kommt ein weiterer Trupp aus unserer Zone, ebenfalls in Schutzanzügen und Atemmasken, und reinigt die Wagen. Das Ganze wird von einem Trupp aus den Aussengebieten wiederholt. Dann können die Chauffeure erneut einsteigen und das Niemandsland verlassen. Ganz schnell sind diese neuen Begriffe entstanden. Die Aussengebiete und die Schutzzone. Die Kameras fokussieren auf die Aufschriften in den Kartons. Lauter gute Sachen. Medikamente, Bananen und Verbandsmaterial in einem Bericht. Laborgeräte, Kinderspielzeug und Schokolade in einem anderen Bericht. Es ist wie Weihnachten. Wir bekommen Geschenke und haben Ferien. „So kann man es auch sehen“, sagt Ahmet und brät das Poulet an. Er macht es ganz scharf, was ich mag. Abhauen ist jetzt nicht mehr.

Ich checke noch einmal unsere Webseite, um zu sehen, ob das Institut morgen offen ist, aber die Webseite ist down oder überlastet, jedenfalls komme ich nicht hinein. Dann muss ich wohl unseren Institutsleiter anrufen, aber ich bekomme nur das Besetzzeichen. Ich probiere die Nummer eines Kollegen anzurufen, Besetztzeichen, und die einer Kollegin. Als Test, dann die Nummer von Joseph, Besetztzeichen.

9.

Es klopft an die Decke in der Wohnung unter uns. Das ist Huberts Zeichen. Hubert ist mein Grossvater. Wenn er klopft, ist Aisha wieder abgehauen. Aisha ist Ahmets Grossmutter. Am Anfang haben wir uns total gestresst und die beiden in ihren Wohnungen betreut. Ahmets Eltern sind beide Anwälte und haben wenig Zeit. Meine Eltern sind vor Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Mein Bruder Joseph ist zu viel mit sich selbst beschäftigt, und mein Bruder Johannes lebt in einer anderen Stadt.

Wir haben nicht lange gefackelt als die Wohnung unter uns frei wurde. Hubert war es egal, Hauptsache er bekommt sein warmes Mittagessen, aber Aisha sträubte sich am Anfang, bis Ahmet sie überzeugte, dass Hubert eben kein fremder Mann, sondern einfach Familie ist. Damals ging es mit ihrem Kopf noch besser, und Hubert freute sich jeden Mittag auf das Essen. Er war da sehr flexibel, türkisches Essen war ebenso willkommen wie deutsches und Süsses als Nachtisch ganz wichtig. Er liebt Aischas Baklava.

Ich schaue zum Fenster hinaus. Aisha kann ich nicht sehen. Vielleicht hat Hubert zu spät bemerkt, dass sie nicht mehr da ist. Ich greife mir meinen Mantel und renne auf die Strasse hinaus. Hubert selbst kann ihr nicht mehr folgen, weil er im Rollstuhl sitzt. Aisha kocht immer noch, aber nicht mehr mittags, sondern irgendwann wenn es ihr einfällt und manchmal nachts. Dann weckt sie Hubert und er muss essen. Da er gerne isst und nicht zunimmt, ist auch das ihm egal, nichts zu essen zu bekommen, wäre schlimmer, sagt er und haut rein.

Ahmets Eltern sind ausserhalb der Schutzzone und machen sich grosse Sorgen. Seine kleine Schwester, mit der er regelmässig skypt, lebt in New York und ruft uns ebenfalls häufig an. Aber was können wir sagen. Wir warten und hoffen, dass es bald vorbei sein wird.

Ich renne unser Treppenhaus hinunter. Ahmet ist im Keller, wo er sich ein Tonstudio eingerichtet hat, indem er Aufnahmen mit seinen Künstlerfreunden macht; ich werde ihn von unterwegs anrufen.

Wir wohnen in einem Wohnhaus mit vielen jungen Leuten, Studenten, Jungakademikern, eine Lehrlings-WG, junge Familien mit kleinen Kindern. Früher war Tag und Nacht ein ständiges Auf und Ab im Haus. Jetzt ist es meistens sehr still bei uns, und mein Getrappel wird die anderen aufscheuchen, was früher nie der Fall war. Sogar die Eingangstür ist abgeschlossen, als hätte jemand Angst vor Horden von Infizierten, die an unsere Türen klopfen könnten.

Ich trete auf die Strasse hinaus. Keine Aisha weit und breit. Es ist kurz vor Mittag an einem Sonntag. Waren vor der Epidemie an solchen Tagen die Strassen schon nahezu leer in unserem Viertel, sind sie jetzt komplett leergefegt.

Aber eine muslimische Grossmutter mit Kopftuch muss in diesem Viertel einfach auffallen. Es ist wie Roulette. Man muss sich entscheiden, rot oder schwarz, links oder rechts. Aisha geht gern in den Park, aber wer weiss was in ihrem Kopf vorgeht. Ich renne nach links, nicht in Richtung Park und rufe Ahmet an. „Geh Du in die Park“, rufe ich ihm atemlos zu. Er wird jetzt auch alles stehen und liegen lassen.

Wir haben schon öfter überlegt, ob das noch so weitergehen kann. Immerhin hat Aisha noch niemand wirklich gefährdet, weil sie zum Beispiel ein Feuer im Wohnzimmer angezündet hat. Ahmet liebt seine Grossmutter, sie zog ihn mehr oder weniger auf.

Ich komme jetzt an die grosse Kreuzung. Glücklicherweise hat der Verkehr auch sehr abgenommen. Absolut niemand in Sicht. Ich muss mich in eine Grossmutter mit Migrationshintergrund hineinversetzen. Schon mit Ahmet und seinen Ansichten habe ich da manchmal meine Schwierigkeiten, aber uns verbindet immerhin eine gemeinsame Zeit und Erfahrungen, Studententage, Filme, Freunde. Aisha lebte schon immer in einer komplett anderen Welt.

Auf der anderen Strassenseite schlurft ein Obdachloser entlang, einen Einkaufswagen mit seinen Habseligkeiten schiebend, als hätte er von allem noch nichts mitbekommen. Ich spurte hinüber und spreche ihn an. Eigentlich habe ich noch nie einen Obdachlosen angesprochen. „Hallo“, sage ich und finde das komisch. Er schaut gar nicht auf und schlurft weiter. Ich springe vor seinen Einkaufswagen und rufe noch einmal Hallo, etwas lauter. Vielleicht ist er schwerhörig. Aber jetzt kann er mich nicht übersehen. Er bleibt stehen und schaut auf. „Ich suche meine Grossmutter.“ Wenn man etwas von Leuten will, muss man vereinfachen. Dass ich die Grossmutter meines Lebenspartners suche, würde das Gespräch schon zu kompliziert machen. Jetzt schreie ich ihm meine Frage ins Ohr. „Hören Sie auf, ich bin doch nicht taub“, grunzt er zurück. „Eine Alte mit Kopftuch?“ Ich nicke. „Die ist dort vorne in die Strasse eingebogen.“ Was Aisha in dieser Strasse will, ist mir schleierhaft. Mein Handy klingelt. Ahmet. „Hier ist sie nicht.“ „Hier in der Nähe ist sie gesehen worden.“

Ahmet wird bald hier sein. Er ist super sportlich, ganz im Gegensatz zu mir. Ich biege in die Nebenstrasse ein und habe schon den Verdacht, dass der Obdachlose mich auf den Arm genommen hat, weil er mich loswerden wollte, als ich in einiger Entfernung jemanden laufen sehe. Ich versuche etwas schneller zu rennen und bin völlig ausser Atem als ich Aisha erreiche. Vielleicht sollten wir in Zukunft die Tür abschliessen, aber bisher haben wir das nicht getan, weil Aisha und Hubert dann im Notfall in der Falle sässen.

Ich berühre sie leicht am Ellbogen, um sie nicht zu erschrecken. Aisha schaut mich an und lächelt. Ein bisschen ungehalten frage ich. „Was machst Du denn hier, Aisha.“ Sie lächelt weiter und sagt dann. „Einen Sonntagsspaziergang.“ Jetzt muss ich grinsen. Aisha spricht sehr gut Deutsch, weil sie sich immer grosse Mühe gab, sich zu integrieren, aber was noch viel eindrücklicher ist es, dass sie versucht deutsche Verhaltensweisen anzunehmen. Allerdings sind manche etwas veraltet, oder machen Leute heute noch Sonntagspaziergänge?

„Aisha, Hubert hat Hunger.“ Wenn ich sie an ihre Küchenpflichten und hungrige Familienmitglieder erinnere, kann ich sie am ehesten bewegen mit nach Hause zu kommen. Sich mit Aisha auf der Strasse zu streiten und sie hinter mir her zu ziehen, ist keine Option. Laut Ahmet probierte das seine Schwester einmal und scheiterte kläglich. Seitdem rümpft Aisha immer die Nase, wenn die Sprache auf ihre Enkelin kommt. Man soll alten Leuten nicht widersprechen, tadelte Ahmet seine Schwester. Aber Geduld ist keine Tugend über die Derya als Fondmanagerin verfügt.

Als wir die Kreuzung erreichen, steht Ahmet winkend auf der anderen Seite. Er ist sichtbar erleichtert. Wir trotten zu dritt nach Hause. „Wir müssen uns etwas überlegen, Ahmet.“ Er nickt, aber so, dass ich weiss, dass er eigentlich nichts tun will und das Problem lieber verschieben möchte. Er liebt das, zu warten bis entschlossenen Handeln nicht mehr zu vermeiden und nur noch eine Lösungsweg möglich ist. Ahmet wechselt das Thema, das tut er auch gerne. „Deine Kollegin hat zurückgerufen.“

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